101 Logbuch 230426 Hiekel: Aspekte des Köerperlichen

Jörn Peter Hiekel (Hrsg): Body Sounds, Aspekte des Körperlichen in der Musik der Gegenwart, Schott, Mainz 2017.

Inhaltsverzeichnis unter:
088 Log 230313 Hiekel_Aspekte des Körperlichen in der Neuen Musik

 


Jörn Peter Hiekel: “Über die “Wiederkehr des Körpers” in der Musik der vergangenen Jahrzehnte und ihrer Wahrnehmung», in ders.: Body Sounds, Aspekte des Körperlichen in der Musik der Gegenwart, Schott, Mainz 2017. S.10–27

  • Grundlegend für die musikalische Avantgarden der zweiten Hälfte des Jahrhunderts: Abbau der Hierarchien bez. tonalen Sytemen
  • Konzeptuelle Erweiterungen auch bez. Beteiligung und Rezeption von Körpern

Defizite in der Auseinandersetzung mit NM
Emphase (Hiekel 2017:10)
Schumanns Tyrannei des Taktes → rhythmische Gestaltung und Frage nach der Körperlichkeit in der music
auch Stravinsky (sacre du printemps 1913), auch Dadaismus

Prod. von Musik ist immer mit Körperlichkeit/Lieblichkeit verbunden
(Hiekel 2017:11)

  • 1 ungewöhnliche Gesangs- und Spieltechniken
  • 2 Überforcierung v. Eigenschaften und Fähigkeiten
  • 3 Neigungen und Gewohnheiten werden thematisiert
  • 4 allltägliche Körperaktionen
  • 5 Verletzlichkeit des Körpers, Begehrlichkeiten, Widerständigkeiten
  • 6 Körper im Kontrast zu technischen Medien

Aufführung = Verkörperung

Für Hanslick ist die körperliche Dimension Nebensache
(Hiekel 2017:12)

  • An der Partitur orientierte MUWI
  • Alles andere ist Anthropologie oder Psychologie
  • Gegenbewegung, bzw Emanzipationsbewegung, gilt auch für die Theaterwissenschaften, für die Kulturwissenschaften insges
  • → Einfluss der Phänomenologie → turn
  • oder body turn
  • vgl. Schriften von Barthes (Hiekel 2017:13)
  • Adorno wird oft als “der Inbegriff der eindimensionalen und vor allem geschichtsphilosophischen Sicht der Dinge missverstanden” – verwendet den Begriff des “Physiognomischen” und mit den auf “Körpergesten verweisende Denkfigur einer “Mimesis am Gegenstand” “ → Resonanz des Körperlichen

Huber (Hiekel 2017:14ff)
Neuansätze
Boulez (zu Artaud) (Hiekel 2017:16ff)
“wie wenig das Musikhören, Musikmachen oder Musikerfahren auf einfache Beschreibungsmuster zurückzuführen ist” (Hiekel 2017:17)
Darbietung = wie sich die Mitwirkenden einbringen
vgl. Stravinsky: Wer mich eines Widerstands beraubt, beraubt mich einer Kraft → Abwendung von Gewohnheiten

Wirkungen und Grenzüberwindungen
exzessive Kräfte der Musik (Hiekel 2017:18)

  • direkte Körper-Ansprache auch als Anästhetikum!
  • Waldenfels: es geht nicht nur um Überwältgung

Moment der Überraschung, der Fremdheit, der Irritation (Hiekel 2017:19)

  • Rauheit, Undomestiziertheit
  • Lachenmann zu Holliger: physikalisch-physiologisch. Energetisch, kreatürlich, naturalistisch, esistenziell → Expressivität der Anstrengung
  • Medizinische Aspekte von Schluchzen, Erstickungslauten, Schreien

Lachenmann: Vokalwerke mit antiakademischer Energie (Hiekel 2017:20)

  • Musique concrète instrumentale

Hespos: Körperliche Befreiung
Freejazz
Durchdringung der performativen Ebenen (Hiekel 2017:21)
Schnebel, Kagel, Globokar, Aperghis
Waldenfels: Formen von Fremderfahrung (Hiekel 2017:22)
Walsh, Alexander Schubert
Lucier (Hiekel 2017:23)

Körperhaltung und Staunen


Bernhard Waldenfels: „Leibliches Musizieren“, in: Jörn Peter Hiekel (Hrsg.): Body Sounds. Aspekte des Körperlichen in der Musik der Gegenwart, Schott, Mainz 2017, S. 28–43.

  1. Leib und Körper

Unterschied zw. gelebtem Leib (vgl. Husser, Scheler, Plessner) und materiellem Körperding (Waldenfels 2017:28)
– nie reiner Leib, sondern immer auch “Züge eines Fremdkörpers”, also Leibkörper
Formen der Selbstverdoppelung
– Kern der Selbstverdoppelung ist das leibliche Selbst
– „Selbstbezug und Fremdbezug, Selbstheit und Fremdheit gehen ineinander über, sind aber aus einem Guss.“ (Waldenfels 2017:28)
– das führt zu pathologischen Spannungen und Grenz- und Übertragungsphänomenen
– Müdigkeit / alltägliche Ermüdung
– auch Marx unterschiedet Körper und Leib
– Nietzsche und Feuerbach sind Leibphilosophen
– Körper bzw Körperlichkeit muss differenziert betrachtet werden → Leibkörper (Bsp: aus einem Kardiogramm lässt sich nicht ablesen, ob ein Herz aus Freude oder Angst klopft / wir haben keine leibhafte Erfahrung von neurophysiologischen Vorgängen) (Waldenfels 2017:29)

→ Musik-Körper, Klang-Körper muss genauso differenziert werden wie Leibkörper

  1. Auditive Epoché

– Hörbarmachen setzt voraus, „dass normale Hörerfahrung unterbrochen und eingefleischte Hörannahmen suspendiert werden.“
(Waldenfels 2017:29)

  • Urteilsenthaltung
  • Merleau-Ponty: wissen, was wir EIGENTLICH sehen ­(hören), es liegt eine Gehörschulung vor, wir hören WIEDERHOLT
  • kulturabhängige Deutung
  • Waldenfels zur Entgrenzung des Musikalischen, Alltagsmusik: „Mit dem Außermusikalischen hätten wir auch das Musikalische abgeschafft.“ (Waldenfels 2017:30)

nehmt den Komponisten die Bratpfannen aus dem Gepäck…

  1. Klangereignisse

– Klangereignisse „unterlaufen den Gegensatz von Subjet und Objekt“ (Waldenfels 2017:31)

  • Unbestimmheit
  • Toshio Hosokawa → „leiblich fundierte Ökomusik“
  • Westlich: Wasserspiele, Brunnen
  1. Antwortendes Hören

– Klangereignis ist ein „Doppelereignis“
– Auffallen und Aufmerken, Widerfahrnis und Antwort
– etwas zu Ohren kommen ist ein AFFIZIEREN, als würde ich darauf antworten
– dy Höry ist kein eigenständiges Subj,, sondern ein „Patient, dem etwas widerfährt, und einen Respondenten der darauf eingeht, indem er hinhört oder weghört. Er tritt sowohl als Hörer auf wie als Antworter.“
– im griechischen Theater heissen die Schauspieler hyprites (= Antworter)
responsive Differenz: das ist Hörarbeit. Transformativer Charakter (vgl. Freuds Trauerarbeit)
– vgl auch Barthes: punctum und studium (bestechender Eindruck, nachhaltige Verarbeitung)

– „Zeitverschiebung zwischen Pathos und Response. Was uns widerfährt, kommt zu früh, gemessen an unseren Erwartungen und Vorkehrungen, während unsere Antwort zu spät kommt, gemessen an dem, was uns vorauseilt. Diese genuine Vorgängigkeit und Nachträglichkeit, ohne die es keine Überraschung gäbe, entspricht einem leiblichen Verhalten […]“ (Waldenfels 2017:31ff)

– Zeitverschiebung versus Sukzession versus Simultaneität (Waldenfels 2017:32)

  • Klein, Richard: Musikphilosophie, Hamburg, 2014 → Morton Feldman ua. Der Akt des Hörens als Abfolge von Pro- und Retention rückt umso nachhaltiger ins Zentrum der Komposition, je dichter […] das Spielen am Rande des Verstummens angesiedelt ist […] Raum offener Erfahrung […]Ankommen-Lassen […] Sich-betreffen-lassen von dem, was nicht antizipiert werden kann
  1. Bewegtes Hören

– musikalische Kinästhese: Hören und sich Bewegen (Verwandtschaft von Musik und Tanz)
– auch, wie Musik gespielt/gemacht wird
– Rhythmus, auch Biorhythmen: Atmung, Puls (Waldenfels 2017:33)

  1. Eigene und fremde Stimme

– Hören als Mithören, als Sich-hören (Waldenfels 2017:34)
– „Das anfängliche Sich-hören bedeutet nicht, dass ein Subjekt sich selbst zum Objekt macht und […] zu sich selbst zurückkehrt, wie es die Tradition einer Bewusstseinsphilosophie lehrt. Die leiblich-sinnliche Reflexivität ist nicht als reflexiver Akt eines Subjekts zu verstehen, sondern als impliziter Selbstbezug, wie ein in den sogenannten reflexiven Verben […] zum Ausdruck kommt. Aähnlich wie beim Sich-freuen […] habe wir es mit einer Selbstaffektion zu tun, die Momente einer Fremdaffektion einschliesst“

(für Hannah)
Paul Valéry: Cahier: „La douleur est l’extranété d’une sensibilité – une chose existe qui est moi et non moi – autre que moi en moi.“
– auch hier spielt die Zeitverschiebung mit hinein: „Sie hat zur Folge, dass wir als Musizierende wie auch als Sprechende uns selbst vorauseilen, uns selbst überraschen, uns selbst zu Gehör kommen.“ (Waldenfels 2017:35)
– fremde Stimmen: als eine Art Doppelgängereffekt
– sich als jemanden erfahren, der beim Namen gerufen wird
– verbale Halluzinationen
– Fugen als Mehrstimmigkeit
– Mehrstimmigkeit der eigenen Stimme…

  1. gemeinsam hören und musizieren

– „Fremdheit meiner selbst und die des Anderen […] genuines Mitsein miteinander“
Koaffektionen und Kointentionen als Formen der Zwischenleiblichkeit (Waldenfels 2017:36)

  • Husserl: Intersubjektivität
  • Merleau-Ponty: Zwischenleiblichkeit oder intercorporéité
  • Das gilt auch für ein AUDITORIUM
  • Musizieren → gemeinsam im der „Verklammerung von zurückgreifender Retention und vorgreifender Protention, die jede lebendige Zeiterfahrung prägt“ → multi-lokal
  1. Musizierender Leib und Musikalität der Dinge

– „Zum Musizieren gehört ein mediales Womit und Wodurch“
der Leibkörper als Urmedium
– „Körpertechniken, die zu den frühesten Errungenschaften des Menschen zählen, schließen Klangtechniken ein.“ (Waldenfels 2017:37)

  • Instrumente sind mit dem Leib verschränkt, nicht abgetrennt denken, nicht in Opposition zur beseelten Stimme als tote, unbeseelte Werkzeuge denken
  • Der Leib ist ein Ur-Instrument, weil es „kein reines, über sich selbst verfügendes und selbst durchsichtiges Leibbewusstsein“ gibt, „sondern er selbst als Leibkörper mit dinghaften und materiellen Zügen ausgestattet ist.“
  • Der Körper tritt nicht hinzu, er hat keine Aussenseite
  • das Know how steht für verkörpertes Wissen, implizit, stillschweigend (Polany)

– Musikinstrumente: die „Materialität wird in der Musikalität transfomiert“ (Waldenfels 2017:38)

  1. An den Grenzen von Leib und Musik

– wie weit können Musik und Körper angenähert werden?
(Waldenfels 2017:39)
– Spinozas Identitätsformel eines „Ein und Alles“, würde alles zu Musik?
– aber der Leibkörper ist nicht bloss Ort eines Transfers, sondern der Transformation
– Medialität des Leibes
– ändert sich der Status des Leibes durch elektroakustische Musik?
– „Rückführung auf humane Prozeduren nicht mehr zwingend erkennbar“ (Waldenfels 2017:240) (1)
– ästhetische Differenzen musikalischer Formen zu auditiven Gestalten
– Waldenfels: es braucht den Überschuss des Künstlichen, sonst ist alles Musik und die „technologischen Erfindungen von künstlerischen nicht mehr zu unterscheiden.“
– Kunsteinschätzung ist wichtig, sonst wird’s Zeitvertrieb

  1. Unhörbares hörbar machen

– auditives Epoché (Waldenfels 2017:41)

  • Durchbrechen von Hörgewohnheiten
  • Mit Platon: Staunen = Philosophieren

Rezension des Buchs im Archiv