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Tim Ingold: «Sound Walks», in: Biserna, Elena (ed.): Going Out – Walking, Listening, Soundmaking, Brussel, umland edition, 2023, S. 248–253.
Tim Ingold: «Sound Walks» (2023:248–253).
Ingold asks: does a falling tree make a sound if no one is around to listen to? Is there either physical happening, a “mechanical vibration emitted from an energetic source» or a psychic agency, a mind, a listening organ (2023:248)? Ingold wants « to set these binaries aside ». Ingold suggest to go for a walk in a forest in a howling gale, he compares the walk to being on sea in a storm. “You are swept away in a mêlée” – “This milieu we call an atmosphere” (S.249), “atmosphere is neither cosmic nor affective but the fusion of the two” (Tim Ingold: The life of Lines, Abingdon, Routledge, 2015, p.75.) “…sound is the atmospheric event […] the circumstance of your being there […] The sound itself is an index of your complicity” (2023:249)
mêlée
Jean-Luc Nancy: La Mêlée (2000).
Mêlée beschreibt ein grundlegendes „Miteinander-Verwickeltsein“ von Körpern, Stimmen, Sinn, Politik und Welt. Der Begriff bezeichnet bei ihm keine bloße Unordnung, sondern ein ontologisches Ineinander – ein Sein, das immer schon geteilt, durchmischt und relational ist.
- Ingold
– Keine isolierten Subjekte
– Keine klare Trennung zwischen Innen und Außen
– Wahrnehmung als Mitsein in einer Welt
– Atmosphäre als gemeinsames Feld von Affekten und Kräften - Nancy mêlée
– Vermischung
– gegenseitige Durchdringung
– Ko-Existenz ohne feste Grenzen - Merleau-Ponty: Obwohl er den Begriff mêlée nicht so programmatisch benutzt wie Nancy, entwickelt er mit Begriffen wie chair du monde ebenfalls die Idee eines verwobenen Wahrnehmungsfeldes, in dem Subjekt und Welt nicht getrennt sind. Ingolds Atmosphären- und Wahrnehmungsdenken steht deutlich in dieser phänomenologischen Tradition.
“In our experience of hearing, however, there is no inside and outside. Where, anatomically, our head should be, there lies the world. What then becomes of the ears? Have they, along with the head, dissolved into the ether? Or have they rather merged with our listening? If, as I have suggested, sound is not so much an object we hear as the underside of our own experience of hearing, and if this is what it means to be possessed of ears, then a walk in the woods on a stormy eve would find ourselves literally in a forest of ears, all around and above. Every creaking branch, every falling tree, every fold of the thunderous sky, would be listening to you, even in the passion of your listening to them. No one, of course, would be so foolish as to think that ears actually grow on the branches of trees, or that they float like flying saucers in the sky. This is not the point. It is a question not of anatomy, but of affect.” (2023:250).
«Sound Walks» (Fortsetzung)
Ingold fragt: Macht ein fallender Baum ein Geräusch, wenn niemand da ist, um es zu hören? Gibt es entweder ein physisches Geschehen, eine „mechanische Schwingung, die von einer energetischen Quelle ausgesendet wird“, oder eine psychische Instanz, einen Geist, ein Hörorgan (S. 248)? Ingold möchte „diese binären Gegensätze beiseitelassen“. Er schlägt vor, bei heulendem Sturm durch einen Wald zu gehen, und vergleicht diesen Spaziergang mit dem Aufenthalt auf See während eines Sturms. „Du wirst in ein Getümmel hineingerissen,“ „Dieses Milieu nennen wir eine Atmosphäre“ (S. 249); „Atmosphäre ist weder kosmisch noch affektiv, sondern die Verschmelzung beider“ (Tim Ingold: The Life of Lines, Abingdon, Routledge, 2015, S. 75). „Klang ist das atmosphärische Ereignis […] der Umstand deines Dortseins […] Der Klang selbst ist ein Index deiner Verstrickung“ (2023: 249).
„In unserer Erfahrung des Hörens gibt es jedoch kein Innen und Außen. Dort, wo anatomisch unser Kopf sein sollte, befindet sich die Welt. Was geschieht dann mit den Ohren? Haben sie sich zusammen mit dem Kopf im Äther aufgelöst? Oder sind sie vielmehr mit unserem Hören verschmolzen? Wenn, wie ich vorgeschlagen habe, Klang weniger ein Objekt ist, das wir hören, als vielmehr die Kehrseite unserer eigenen Hörerfahrung, und wenn genau dies bedeutet, Ohren zu besitzen, dann würden wir uns bei einem Spaziergang im Wald an einem stürmischen Abend buchstäblich in einem Wald von Ohren wiederfinden – ringsum und über uns. Jeder knarrende Ast, jeder fallende Baum, jede Falte des donnernden Himmels würde dir zuhören, selbst in der Leidenschaft deines Hörens auf sie. Natürlich wäre niemand so töricht zu glauben, dass tatsächlich Ohren auf den Ästen von Bäumen wachsen oder wie fliegende Untertassen am Himmel schweben. Darum geht es nicht. Es ist keine Frage der Anatomie, sondern der Affizierung.“ (2023: 250).
affect
Bei Tim Ingold bedeutet affect nicht einfach „Gefühl“ oder „Emotion“ im psychologischen Sinn. Der Begriff stammt aus einer philosophischen Tradition – besonders aus Baruch Spinoza, Gilles Deleuze und Félix Guattari – und bezeichnet dort die Fähigkeit von Körpern, aufeinander einzuwirken und voneinander betroffen zu werden.
Affect ist das Spüren und Erleiden von Kräften, Intensitäten und Beziehungen, bevor daraus klar benennbare Emotionen oder Bedeutungen werden.
„This is not a question of anatomy, but of affect.“ (2023: 250)
Es geht nicht darum, ob Bäume „wirklich“ Ohren haben. Entscheidend ist vielmehr, dass Mensch, Wald, Wind und Klang in ein gemeinsames Feld gegenseitiger Affizierung eintreten.
Der Sturm „ergreift“ einen:
– der Wind erfasst dich
– Geräusche umhüllen dich
– Orientierung verändert sich
– Spannung, Unruhe oder Ergriffenheit entstehen.
affect: ein relationales Geschehen zwischen Körper und Umwelt, vorsprachliche Intensität und Betroffenheit, Emotion ist ein benanntes Gefühl (Angst, Freude). Bei Ingold ist Klang kein Objekt „da draußen“, sondern etwas, das affiziert und in ein atmosphärisches Geschehen hineinzieht.
Hier verbindet sich Ingold stark mit:
– der Phänomenologie von Maurice Merleau-Ponty
– der Affekttheorie von Deleuze/Guattari
– indirekt mit Brian Massumi, der affect als „Intensität vor Bedeutung“ beschreibt.
forest of ears I
Nicht, weil alle(s) hört, sondern weil alles in einem Feld gegenseitiger Sensibilität und Resonanz steht, das ist mit forest of ears gemeint. Der Wald wird zu einer affektiven Umgebung, in der Wahrnehmung verteilt ist und nicht mehr nur im menschlichen Subjekt lokalisiert werden kann.
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forest of ears II
ein Rätsel
Übertragung von Vibrationen (Luftdruckunterschiede) („vibrations all around you“ – Seiji Tanaka) beschreibt das Gewitter im Wald, ohne cognitives processing. «Geräusche» will sagen, eine cochlea is involved – bezieht sich die Vibrationen im Sinne eines Hörens durch ein Hörorgan, meint die Anwesenheit eines Ohrs, meint eine Membran, meint Transformation der Vibrationen (Vibrationen? die wellenförmige Ausbreitung der Luftdruckunterschiede) in ein neuronales Geschehen. Von Geräuschen kann nur im Sinne eines neuronalen Geschehens die Rede sein, das (Hör)Organ spielt eine zentrale Rolle. Aber vielleicht geht Ingold von der Idee aus, dass was auch immer für welche Vibrationen, diese immer irgendwelche Membranprozesse auslösen, auf zellulärer Ebene, zB das Öffnen und Schliessen von Poren (Proteinen). Denkt Ingold an solche Blätter-Poren, Gräser-Poren, die am Geschehen beteiligt sind – also „hören“?
– ist Hören ein Synonym für Übertragung?
– würde «Übertragung» das Geschehen (ev. im Sinne einer agency) nicht treffender umschreiben?
– affizieren: affect bezieht sich auf die Fähigkeit von Körpern, aufeinander einzuwirken und voneinander betroffen zu sein
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Unterschied Hör-, Spürsinn
Affect, im Sinne des Aufeinander-Einwirkens, läge näher bei Spüren, Berührt-Werden
Hören als Aspekt des Spürsinns?
Hören als Distanz-Sinn
affiziert sein aus der Ferne
Der Magier im Garten
für Malinowski ein Rätsel, was die magischen Worte im Garten bewirken – Pflanzen können nicht hören (2023: 250)
Ingold „The real answer, I would suggest, is that by lending his voice to the chorus of earth and atmosphere, the magician brings about a kind of affective resonance, a commingling of energies, wherein lies the potential of the cosmos to generate new life. But as he listens for a response from the thunder and the winds, he lends his ears as well. For it is by way of the ears that meteorological phenomena such as these can assume an audible presence. And likewise, to return to the tree falling in the storm, by lending your ear so to the tree, you create the conditions for its cry to be heard. Your give the tree a voice that it would not otherwise have. Thanks to your presence, the tree can listen both to itself and to everything around – through you. […] The ear, in this sense, is the attentiveness of a body places on aural alert – not so much a “body with ears” as an “ear-body”. (2023: 251).
forest of ears III
„How, then, do you turn a body with ear into an ear-body? You have first to decompose it anatomically so that it can then a surgical operation, of course, but a switch of perspective from acoustics to phenomenology, or from objectification to experience. The ears, thenceforth, are no longer the organs of a body but the affective disposition of a body without organs. In this perspective, the body is not a self-contained entity, enclosed by an external skin and a set over and against a surrounding world, but a kind of probe, an antenna, that feels its way into the folds an along the creases of the crumbled atmosphere treading through the milieu much as a plant root of fungal hypha threads its way through the earth.” (2023: 251)
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Abschreiben, Ingold, Westernkamp, Biserna, ginge Stunden lang, ohne weiters und unablässig, lässiges Abschreiben – Adelboden:
Écriture, das Schnürchen, die Schnürchenschrift des Bruders, XY (Andrea zur Schreibwerkstatt in Giswil) schreibe in Blockschrift, welch eine Freude, die gesammelten Worte, zentripetal, ein nach innen (ins Zusammensein) gerichtetes Schleudern, wie es sich gehört: getrocknet, alles was gesagt wurde nicht weg, sondern zusammengeschleudert.
Ohren haben für’s Schreiben, wie verschieden Schreiben und Tippen sich anhört, die digi-Welt, Fingersysteme, wie ist’s mit Fingern zu denken? Also 10 aufs Mal. Handschriftlich, eine einzige Hand, wehe, wenn links, dann wird’s kindlich, kindisch, ab wann greift Graphologie? Fontologie – ha – eine Einstellungssache, an der Basis gestern, der Aushub mit A, die sehr wohl als Andrea getippt werden kann
Die tipp automatique an sich automatique, darum empfiehlt sich das Tippen nicht als écriture automatique.
Mme. S. Mart: Was erhoffen Sie sich vom Abschreiben ganzer Passagen aus Biserna/Ingold/Haraway?
Sie: Ob es besser wäre von Hand abzuschreiben? Abzutippen ist pragmatisch. Mit dem Abschreiben in den Fluss der Argumente eintauchen, ein erster Schritt den Gedanken eines Abschnitts zu vertiefen. Dem Gedanken-Gang nachvollziehen. Auswendig (Es setzt auf mich, EE), um sich den Zeilenumbruch zu vergegenwärtigen und um herauszufinden, welche Fehler sich einschleichen, beim Versuch das Gedicht aufzusagen, um wieder in den Schlaf zu finden.
Abschreiben: im Aufsatzheft meines Bruders mit einem roten Bleistift Zeile für Zeile der alten Tinte nachgefahren. Lesen konnte ich nicht. Der Vor-Schrift entlang möglichst eine perfekte doppelte Schrift nachziehen, rot auf blau. Ein Sommernachmittag. Geschichte meiner Abschriften.
Abschreiben statt selber etwas aufzuschreiben, im thick present, dem zähflüssigen, abschreiben, statt einen Song zu schreiben.
«Sound Walks» (Fortsetzung)
«Walking along, you hear the rhythmic pulse of your own steps. Moderated by the textures of the ground underfoot – whether hard or soft, gravelly or muddy – mingled with the sounds of the wind in the trees, the creaking branches, distant thunder, and all the other phenomena to which you lend your ears, bringing them thus into audible presence. How should this earthly and atmospheric chorus be described? Many would call it a soundscape. I am not convinced, however, that the term is entirely apt. For the chorus is not already laid out, waiting to be surveyed. Nor can it ever be played back, as a totality. It is ever-unfolding, in the contrapuntal interweaving of multiple strands that con only be unravelled an individuated form the inside. The shapes of sounds, as I have observed, can only me made out. And in making them out, we make out ourselves as well. Like figure in the mist, both we and they have no substance apart from that of the milieu, in the folds and creases of which all existence hovers. To listen is continually to be reminded that we are not just possessors of the world in which we move around and find our being, but possessed by it. It is not, then that hearing provides a portal for the human mind to take possession of a world. It is rather that in taking possession of the human inhabitants, who world makes itself heard.
Ingold, Tim: “Between Noise and Silence: On Meaning of Sounds”, in: ders.: Imagining for real: essays on creation, attention and correspondence, New York, NY, Routledge, 2022, S. 106–7.
- Sound as a Medium, Not an Object: Ingold famously argues that sound is not what we hear, just as light is not what we see. Instead, it is the medium through which we perceive and navigate our surroundings. We do not stand apart from sound; we dwell within it.
- The «Soundscape» Critique: He strongly objects to the concept of a «soundscape». Viewing a soundscape as a fixed, objective, panoramic picture treats sound as an external objectified landscape. Ingold proposes «sound milieus» or atmospheres instead, emphasizing that sound is constantly flowing, changing, and enveloping us.
- Noise as «Sense Out of Place»: Ingold often draws on anthropological concepts of dirt and order to define noise. To him, noise is «sense out of place» or nonsense. However, precisely because noise is formless and defies easy categorization, he acknowledges that it harbors immense creative potential.
- Listening as Wandering: He compares attentive listening to flying a kite or wandering a path. Sound flows continuously like the wind. Listening is an active, ongoing exploration of this medium rather than a passive reception of data.
Weiterführendes:
Tim Ingold: Four objections to the concept of soundscape.
Tim Ingold: Being Alive, Routledge, 2011.
Angela Rawlings: To Listen Is to Relate Is to Sustain,
Angela Rawlings: www.arawlings.is
→ Ausstellung in Reykjavik