213 Log 250104 Kolloquium_Sprachkompositionen
Mauricio Kagel, Hans Wüthrich, Dieter Schnebel und andere
Werner Klüppelholz ist einer der renommiertesten Spezialisten für Sprache und Stimme in der Neuen Musik. In seinem Vortrag geht es um das Verhältnis von Stimme und Linguistik anhand von Sprachkompositionen etwa von Dieter Schnebel, Mauricio Kagel oder Hans Wüthrich. Bei der Umsetzung von Stimme und Sprache in den Kompositionen spielen performative Aspekte ebenso eine Rolle wie mediale Übersetzungen und Erweiterungen. Grammatiken und andere Ordnungssysteme des Sprechens und der Stimme werden dabei ausser Kraft gesetzt und neu strukturiert in musikalische Zusammenhänge übersetzt. Eine besondere Rolle spielen Lautsymboliken, mit denen zwischen den verschiedenen Systemen gespielt werden kann.
Der Vortrag findet im Rahmen des Forschungsprojekts
Schreiben mit Stimmen statt.
Themen
– Zusammenhang von Phonetik und NM, die Anfänge der elektronischen Musik im Phonetisches Labor
– Lange Tradition der Avantgarde in Musik und Wissenschaft
– «Kölner Linguisten können an eine lange Tradition anknüpfen. Bereits in den siebziger Jahren hatte der damalige Leiter der Kölner Phonetik, Professor Dr. Georg Heike, mit Karlheinz Stockhausen zusammengearbeitet. Beide waren Schüler des Bonner Wegbereiters der Elektronischen Musik Werner Meyer-Eppler. 2012 griff ein Workshop unter internationaler Besetzung das Thema wieder auf. Inspiration genug für Adli und seine Kollegin, die Phonetikerin PD Dr. Doris Mücke, nun anlässlich des siebzigsten Geburtstags des Komponisten Klarenz Barlow ein Symposium zu organisieren. Barlow, inzwischen Professor im kalifornischen Santa Barbara, ist Köln seit langem verbunden. Er studierte Ende der sechziger Jahre Komposition und elektronische Musik an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln, unter anderem bei Bernd Alois Zimmermann und Karlheinz Stockhausen. In seinen Werken, wie zum Beispiel „Im Januar am Nil“ beschäftigt er sich intensiv mit dem Wechselspiel zwischen Musik und Sprache». zit n. Kölner Universitätsmagazin, 24.11.2016
– „Wenn die angeschnittenen Fragen in diesem Jahr nicht in Deutschland zu einer Realisierung führen, werden sie uns im nächsten Jahr von den USA vorgelegt werden.“ Mit dieser forschen und durchaus verwegenen Drohung forderten Werner Meyer-Eppler und Herbert Eimert vom Intendanten des NWR die Gründung eines Studios für elektronische Musik. Das Schreiben wurde am 18. Oktober 1951 aufgesetzt; noch am selben Abend wurde im Nachtprogramm des Senders eine Gesprächsrunde ausgestrahlt, in der Komponisten, Wissenschaftler und Techniker die Möglichkeiten der elektronischen Musik nicht nur besprachen, sondern anhand einiger Klänge sogar schon vorführten. Noch am nächsten Tag, am 19. Oktober 1951 also, erinnerte Eimert sich später, habe er grünes Licht erhalten für das weltweit erste Studio für elektronische Musik.» (zit. n. Studio Elektronische Musik „Gründungsmythen“ / 19. Oktober 1954: Das erste Tonbandkonzert)
– Brigitte Felderer (1) : «Stimm-Maschinen. Zur Konstruktion und Sichtbarmachung menschlicher Sprache im 18. Jahrhundert», in: Zwischen Rauschen und Offenbarung. Zur Kultur- und Mediengeschichte der Stimme, hrsg. v. Friedrich Kittler, Thomas Macho und Sigrid Weigel, Berlin; de Gruyter, 2002, S.257–278.
– Brigitte Federer: Phonorama, eine Kulturgeschichte der Stimme als Medium, Zentrum für Kunst und Medien, ZKM, Karlsruhe, 2004/2005
– John Durham Peters (2) : «Helmholtz und Edison. Zur Endlichkeit der Stimme», in: Zwischen Rauschen und Offenbarung. Zur Kultur- und Mediengeschichte der Stimme, hrsg. v. Friedrich Kittler , Thomas Macho und Sigrid Weigel, Berlin; de Gruyter, 2002, S.291–312.
Tonbandmaschine und Stimme 1950-70
In der musikwissenschaftlichen Analyse der Musik der Nachkriegszeit stehen traditionelle Notationssysteme im Zentrum. Die Werke werden in der Regel anhand von Partituren und deren Erweiterungen in Form von Legenden und Grafiken betrachtet, die eine fortschreitende Innovation des musikalischen Materials suggerieren. Dabei geraten allerdings vor allem die strukturellen Parameter der Musik in den Fokus. So wurden Werke, die sich technischer Verschriftlichungssysteme bedienen, wie sie seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Tonband existieren, ebenso vernachlässigt wie zahlreiche Werke zeitgenössischer Musik, die sich einer ausschliesslich semiotischen Beschreibung strukturell entziehen.
Am historischen Anfang des audiotechnisch-physiologischen Schreibens mit Stimmen stehen unter anderem die Werke der französischen lettristischen Stimmkünstler und Avantgardisten François Dufrêne (1930–1982) und Gil Joseph Wolman (1929–1995), die ihre poésie physique ohne Partitur direkt auf Tonband produzierten. Davon ausgehend werden die historischen Anfänge des Komponierens medialer Stimmen in den Jahren 1950 bis 1980 untersucht, die das komplexe Zusammenspiel von Stimmführung, Umgang mit dem Mikrofon und die technisch-kompositorische Handhabung des Tonbands thematisieren.
Konstellation Mikrophon – Stimme – Tonband
Die Konstellation Mikrophon – Stimme – Tonband entspricht der historischen Konstellation der Phonographie, sie ermöglicht die Stimme ohne Umweg über eine Partitur festzuhalten. Der Phonographie stand der Hör-Sprach-Kreis Modell, also die physiologische Beziehung von Stimme und Ohr.
Die Möglichkeit der technischen Aufzeichnung durch Mikrophon und Tonband avancieren in den 1950er Jahren zum Kompositionswerkzeug. Von den Lettristen und Ultra-Lettristen in Paris, zum San Francisco Tape Music Center in Oakland und zur Soundpoetin Lily Greenham, deren Nachlass in der Special Collection der Goldsmith University in London zu finden ist.
Was es bedeutet Stimme und Tonband ohne Umweg über eine Partitur interagieren zu lassen, tritt in den ultra-lettristischen Werken von Gil Wolman und François Dufrêne am deutlichsten zu Tage. Wolman und Dufrêne, als Teil der lettristischen Bewegung in Paris der 1950er Jahre, haben mit dem Tonband zu experimentieren begonnen und die Buchstabenschrift für überwunden, für obsolet erklärt. Bruch mit den Lettristen. Gründung des Ultra-Lettrismus führte. Wolmans Ziel: die Buchstaben-Einheiten Vokal und Konsonant weiter zu dekomponieren, poésie physique. Für Dufrêne ermöglichte das Tonband die conception und execution zusammenfallen zu lassen, die Aufzeichnung führte zu einem automatisme maximum.
Stichworte:
– Composer-Performer (Wolman, Dufrêne)
– Composer-Instrumentalisten (Pauline Oliveros, Ramon Sender, Morton Subotnik SFTMC)
– Aufführungsformate: Lausprechermusik Schallplatten-Editionen
(Revue OU), Events statt Konzerte, ungewöhnliche Aufführungsorte
– Diffusionscore (Smalley), Konzepte, Manuale (statt Partituren)
– performatives Verständnis der (musikalischen/sound/akustischen) Ereignisse: longdurational, endurance (zB Vol)
– Musik als Ordnungs- und nicht primär als akustische Struktur
Vor- und nachsprachliche Transformationsprozesse
Nachsprachlich: Auf die mit Buchstaben verschriftlichte Stimme folgt ein nachsprachlicher Transformationsprozess (Dekomposition der Sprache). In den Stimmlauten bleiben die Buchstaben, also die Sprache gegenwärtig.
Vorsprachlich: Die Konstellation Stimme-Mikrofon-Tonband gilt exemplarisch als Schreiben mit Stimmen. Mit der technisch-physiologischen Stimme entsteht ein medialer Stimmkörper, der die Schallfeld der Stimme verändert und zum Beispiel durch Amplifikation vergrössert. Für Stimm-Aufnahmen charakteristisch ist die Inszenierung der körperlichen Nähe durch die Platzierung des Mikrofons vor dem Mund (oder im Mund) und dem Hörbarmachen der Atemgeräusche aus. Das direkte Zusammenspiel von Mikrophon und Phonation im Rachenraum ermöglicht auch Effekte einer Stimme ohne Ansatzrohr. Die technische Verschriftlichung ist perfekt in die Stimmgebung (in den Hör-Sprach-Kreis als Voraussetzung jedes Lautwerdens der Stimme integriert und erweitert diese zu einem audiotechnisch-physiologischen Artikulationsorgan. Die Körperspannungen (Tonus), die mit den stimmphysiologischen Prozessen zusammengehen, werden aber nicht aufgezeichnet. So steht die maximale authentische Aufzeichnung der Stimme auch für deren tonuslose Wiedergabe. Dieser Widerspruch charakterisiert die technisch-physiologischen Stimmen.
Kommentar Werner Klüppelholz:
- Schreiben mit Stimmen Neues Hörspiel als «akustische Gattung unbestimmten Inhalts»
- Klaus Schöning (*1936 Rastenburg), leitender Redakteur des Studios Akustische Kunst des WDR, Dramaturg, Regisseur
- Martin Maurach: Das experimentelle Hörspiel. Eine gestalttheoretische Analyse. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag, 1995.
- Produktionsmöglichkeit von Musik für das (neue) Hörspiel als Grundlage/Argument zur Gründung der Elektronischen Studios (auch Schaeffer)
Michael Harenberg
- Elena Ungeheuer → zur wissenschaftlichen Orientierung der Neuen Musik
Elena Ungeheuer: Wie die elektronische Musik «erfunden» wurde … Quellenstudie zu Werner Meyer-Epplers Entwurf zwischen 1949 und 1953, Mainz: B. Schott’s Söhne, 1992, inkl. CD. - Wolfgang Hagen (1950–2022), Medienwissenschaftler und Radioredaktor
- Gottfried Michael Koenig (1926–2021) deutscher Komponist, Mitarbeiter im Studios für Elektronische Musik in Köln, grosse Verdienste in der Prod. von Gesang der Jünglinge