129 Log 230912 writing music
Sybille Krämer: Aspekte einer philosophischen Therie der Schrift

Ringvorlesung
writing music – Zu einer Theorie der musikalischen Schrift
Interdisziplinäre Ringvorlesung am Institut für Musikwissenschaft und Interpretationsforschung, 20.10.2016 (1) 
Universität für Musik und darstellende Kunst
Wien 2016/17

 

Sybille Krämer
Zu einigen Aspekten einer philosophischen Theorie der Schrift

Einführung
Zum Schriftkonzept im Sinne der aufgeschriebenen mündliche Sprache
und zum Potential des Schriftkonzepts

Töne erklingen und verschwinden, wie der sprachliche Laut
Existenz, die im Verschwinden besteht
Aufzeichnung wird entscheidende Technik
ist Schrift sekundär?
sekundär = Defizit

  • Debatte Oralität – Literalität
  • Sprache ist ein System (Elemente und Regeln)
  • die Idee der Systematizität ist eine Projektion der Schrift
  • Schrift ist das verschwiegene Modell für Sprache
  • Skriptizismus
  • Ferdinand de Sausurre (1757–1913, Sprachwissenschaftler): die Bedeutung entsteht aus dem differenziellen Prinzip, vgl auch Gunnar Hindrichs (*1971, Philosoph, Basel): Philosophie der Musik

Grundbaustein der Musik ist der Klang. Klang ist nicht allein bestimmt als etwas Hörbares, sondern auch durch das Verhältnis eines Klanges im System der Klänge, die erklingen, also auch bestimmt durch das, was nicht erklingt
= Systemgedanke, die Basis ist nicht die erklingende Musik, sondern die aufgeschriebene Musik

Frage: welche Bedeutung hat die Tatsache, dass die Musik aufgeschrieben / aufgezeichnet wird? Ist die Schrift etwas Bestimmendes und imprägniert sie die Musik? Braucht die Musikwissenschaft eine Oralitätsdebatte?

Was macht Schrift?

  • Zeit: Sukzession, Gegenwartspunkt an Gegenwartspunkt
  • Zeit wird durch Schrift verräumlicht: das Nacheinander der Zeit wird ein Nebeneinander der Buchstaben, räumliche Linearität
  • Schrift = Anordnungsverfahren, niemals nur Linearität, sondern auch Fläche benutzt = zweidimensional
  • Diskretes Zeichen zerschneidet das Kontinuum, Leerstellen, Lücken, Zweidimensionalität
  • Zwei Zeichen können niemals ineinander übergehen
  • Leerstellen ist ein räumliches Phänomen

Worin liegt die Attraktivität der Schrift, der artifiziellen Flächigkeit?

  • Sonderraum eines zweidimensionalen Raumes, indem alles kontrollierbar wird
  • = Überblick, Vogelflugperspektive
  • In der Partitur nimmt die Musik einen operativen, überblickbaren Raum, es ist zu sehen, was gewesen ist und was kommen wird…
  • Überklang des Klangraums der leiblichen Dreidimensionalität in den Schauraum der artifiziellen Zweidimensionalität, diese Transformation bringt ein neues Potential
  • Schrift ist kreativ, weil man sie auf dem Papier herumschieben kann, umstellen, kopieren, zusammenfassen – abgesehen davon sind Zahlen erst durch die Schrift/Zeichen sichtbar
  • = das Potential der Schrift

Das was Schrift ist und leisten kann in 4 Geschichtspunkte geordnet

– Räumlichkeit
– das Graphische (Graphismus)
– das operative Potential
– Affinität von Schrift und Maschine (Komputer)

Schrift ist vergl. wichtig wie die Erfindung des Rads
wie das Rad für Mobilität der Körperlichkeit steht, so die Schrift/artifizielle Flächigkeit für Mobilität und Kreativität

Räumlichkeit der Schrift

These: die Zweidimensionalität als Denkwerkzeug (Kulturtechnik der Verflachung) ist entscheidend. Aber Oberflächlichkeit wird diskreditiert(?) (Tiefgang ist wichtig). Dabei haben wir den inskribierten Flächen so viel zu verdanken (heute Smartphone!)

  • Wissenschaft und Kunst entstehen aus dem artifiziellen Umgang mit Schattenrissen

– Töpfertochter Butades bannt die Gestalt ihres Liebhabers durch den Schattenriss an die Wand.
– Zeitmessung der Sonnenuhr durch Schattenwurf
– das Höhlengleichnis, für Platon ist der Schatten defizitär
= Schatten verwandeln das Volumen in eine Fläche
Gibt es etwas wie Schatten in der Welt des Auditiven?

Graphismus der Schrift

  • Sprache mache den Menschen aus. Kein Wesen im Tierreich hat der Sprache vergleichbares grammatikalisches, semantisch, syntaktisches Verständigungssystem wie der Mensch
    Es gibt die Signalsprachen des Vokalischen.
  • Es gibt nichts dem Bildermachen/Krizeln/Markieren/Oberflächen analoges
  • Einritzen, auftragen als Disposition ist genauso wichtig wie unsere Sprachlichkeit
  • wir sind zweisprachige Wesen
  • Punkt, Linie, Fläche wirken zusammen als Graphismus
  • Linie hat eine Doppelnatur: 1. Geste der Hand wird abgebildet, sie gibt die Geste in der Zeit als Konfiguration im Raum wieder, sie übersetzt 2. steht die Linie für den freien Entwurf, das den Wahrnehmungskonventionen widerstreitet, solche Objekte kann man nicht herstellen, das gibt’s nur zweidimensional.

Linie = Potential der Abbildung + Potential der freien Kreation / Projizieren von etwas das besteht + den Entwurf, der noch in keiner Weise ein Vorbild hat in der Welt (und ev. nie haben wird)

  • Zu Descartes erster (musik)theoretischen Schrift (compendium musicae, dt Übersetzung erst 1978) eine Art Musikdiagrammatik (Quintenzirkel, unzählige musikalische Diagramme) die ästhetischen Eigenschaften des akustischen Erklingens von Musik werden mit visuellen Eigenschaften erklärt (Intervall Ästhetik: die Proportionalität der konsonanten und dissonanten Tonverhältnissen werden in Linienkonfigurationen überführt, konsonant ^= ganzzahlige Verhältnisse
  • Graphismus ist der gemeinsame Ursprung von Zeichnung und Schrift, zb Kritzeln, ist genauso grundlegend wie Sprechen, ev. wie Musizieren?
  • Beachte: Sprache kann man negieren, das Nein, es gibt kein Äquivalent im Graphismus


Operatives Potential der Schrift
Wenn die Schriftanordung räumlich ist, dann ist eine Zeitachsen Umkehr möglich. Der Mediendenker Kittler hat seinen Medienbegriff an diese Gegenheit gebunden. Für Kittler ist der Körper kein Medium. Der Körper ist der Irreversibilität der Zeit mehr oder weniger unentrinnbar unterworfen.

Auf den artifiziellen Flächen haben wir einen Sonderraum entworfen mit der Option die Irreversibilität der Zeit zu bannen.

Über den Spielbegriff nachdenken: Musik ist ein Spiel, Sprache ist ein Sprachspiel. Über Musik nicht in den Kategorien der Sprache nachdenken, das geht für SK nicht, aber Spiel, ja! Spiel heisst etwas lässt sich hin und her bewegen: Lichtspiel auf dem Wasser, die Schraube hat Spiel. Ohne Ziel. Spielräume. Kein zweckorientiertes Produkt. Die artifizielle Fläche lädt ein zum Spiel, Umkehrbarkeit praktizieren und erfahren.


Das Mechanische der Schrift / Affinität von Schrift und Maschine
Alles was diskretisierbar ist, kann auf eine Maschine übertragen werden.

Als erste Programmiererin gilt Ada Lovelace (1815–1852, Mathematikerin, London) (Berechnung der Bernoulli Zahlen). Sie arbeitete mit Charles Babbage an einer universalen Rechenmaschine. Tiefe Verwandtschaft der Schrift mit dem Tabellarischen und dem Diagrammatischen. Schrift ist mehr als eine lineare Aufzeichnungstechnik, sie ist mit der Zweidimensionalität im Bunde. Tiefe Affinität zwischen Schriftlichen und dem Mechanischen


Schluss
Derridas Grammatologie als Dia(?)-Grammatologie weiterentwickeln/entfalten um das Potential der Schrift aufzudecken.
Vieldimensionales Schriftkonzept, in dem die Schrifttechniken in ein grösseres Ganzes einer Kulturtechnik der Verflachung einordnen, dazu gehören auch Grafen und Diagramme, Karten, Tabellen, dazu gehören auch musikalische Schriften.
Schrift bezieht sich auf verschiedenen Referenzobjekte (Sprache, Zahlen, musikalische Zeichen)

Grafische Notation der NM
Die Schrift des Musikalischen
Wie klangliche Innovation und Medieninnovation zusammengehen
Den Alphabetismus der musikalischen Schrift kritisieren:

  • Earl Brown (Kritik der traditionellen Notation), Vorbild sind die Künste, Brown bezieht sich auf Calder, Jackson Pollock, etc.
  • Joseph Schillinger (Klanggeschehen naturwissenschaftl. verzeichnen, Physik, Koordinatenkreuz, bezieht sich auf Descartes)

Descartes und das Koordinatenkreuz macht das Blatt zu einem adressierbaren Raum, Descartes erfindet die analytische Geometrie, Koordinatenkreuz, vorher seine Musikdiagrammatik, geometrische Formen für das Klanggeschehen)
Die Schrift hat die Eigenschaft das Werk hervorzurufen. Urheberschaft an einem Werk, das nicht verschwindet, das tradierbar wird. Der Werkbegriff ist auf engste Weise verwoben mit der Schrift. Mit der Möglichkeit Musik zu schreiben entsteht der Autorenschaft. Zu archaischen Zeiten hatte Musik hatte keinen Autoren. Literatur entsteht mit Autoren, so auch in der Musik. Für Earl Brown werden die Interpreten zu Mitautoren, es gibt nicht zwei identische (gleichklingende) Aufführungen. Brown Subversion des traditionellen musikalischen Notationssystem ist auch eine Subversion der traditionellen musikalischen Autorschaft.

Mit der Karte navigieren in der Stadt. Die Karte wird aufgeführt, wieder umgesetzt in die 3dim? Ist das vergleichbar der Interpretation der Musiknotation in der Aufführung, eine Umsetzung in die 3.dim.
Zeit ist eindimensional, Lebensraum ist 3dim, die Zweidimensionalität ist eine Übersetzung, ist angesiedelt im Dazwischen, das eine in das andere transformieren, sie ist eine Passage, eine die alles verändert. Das Notenblatt verändert alles, auch unser Hören?Die Zeitumkehr kann gedacht werden, aber aufgeführt?
Es geht um Schriftkonfigurationen.
Rechnen konnten früher nur die Mathematiker, mit dem Dezimalsystem wurde rechnen es allen zugänglich zu einer Alltagstechnik. Es geht um Kontrolle und Kreativität, Überschuss und Disziplin
Intransitiver Spielbegriff: etwas spielt: ein Lächeln auf den Lippen, das Spiel der Lichter auf dem Wasser zum intransitiven Musikbegriff: die Saite bewegt sich, Spiel = das Hin und Her einer Bewegung, die Saite schwingt = Quelle des Schalls/Musik
Im Hin und Her der Schwingung schwingt die Vorstellung der reversiblen Bewegung mit: das Vor und Zurück, als könnte die Zeitachse umgedreht werden.

129 Log 230912 writing music
Assmann: Schrift_Gedächtnis_Musik

Ringvorlesung
writing music – Zu einer Theorie der musikalischen Schrift
Interdisziplinäre Ringvorlesung am Institut für Musikwissenschaft und Interpretationsforschung, 11.10.2016 (1)
Universität für Musik und darstellende Kunst
Wien 2016/17

 

Jan Assman
Schrift. Gedächtnis. Musik

Einführung v. Nikolaus Urbanek
zur Ringvorlesung: Musikalische Schrift / transdisziplinärer Diskurs

  • Abhängigkeit der Schrift von der Rede, Unterordnung unter das gesprochene Wort
  • Schrift = aufgeschriebene Sprache
  • Pendant: musikalische Schrift als aufgeschriebener Klang
  • Schrift als Zeichen für etwas anderes
    unsichtbares, transparentes, transzendentes, neutrales, durchsichtiges Medium zur Archivierung und Kommunikation des präexistenten Klanges
  • Schrift als Medienwechsel: vom gedanklichen Einfall zur Notation auf dem Papier

Frage: ob Schrift tatsächlich immer nur für etwas anderes steht, ob sie nicht ein Medium eigenen Rechts sei.
Was ist ihr Eigensinn?

  • Ihre Materialität: Stoffe und Werkzeuge des Schreibens
  • Notate sind Sichtbar (Flächigkeit, Räumlichkeit, 2dim.): Schriftbildlichkeit
  • Schrift als Werkzeug der Komposition, durch das Schreiben komponieren

Der Schrift eigen sind: Annotationen, Kommentare, korrigieren, verwerfen, löschen, streichen, verschieben, überschreiben. Es geht darum aus den kreativen, brüchigen, innovativen Situationen der Musikgeschichte in denen über musikalische Schrift nachgedacht wurden, für eine Theorie der musikalischen Schrift zu lernen. Aspekte einer Theorie der musikalischen Schrift:

  • Materialität
  • Ikonizität
  • Performativität
  • Operativität

 


250316 Jan Assmann
Schrift–Gedächtnis–Musik, 2020(2)
– Noten als Schrift, Musik als Schriftkultur
– Schriftentstehung und frühe Schriftkulturen
– Kanonbildung in der musikalischen Schriftkultur

  • Noten als Schrift, Musik als Schriftkultur
    (Assmann, 2020:51–53)
    dt. wird von musikalische Noten SCHRIFT gesprochen
    Schriftbegriff, der sowohl Sprachzeichen wie auch andere Zeichensysteme umfasst
    – dem Unsichtbaren Sichtbarkeit verleiht
    – dem Flüchtigen Dauer
    – Verbreitung (vgl Assmann, 2020:51)
    franz. / engl. von Notation: Schrift meint ausschliesslich die Aufzeichnung von Sprache

notieren / aufschreiben → kurze Notate, Kurzzeitgedächtnis, festhalten von etwas Flüchtigem, etwas sichtbar machen (Alltag)
schreiben → grosse Formen (über Jahre hinweg entwickelt/geschrieben), schöpferischer Vorgang, etwas bis dahin Unkommuniziertes kommunizieren, etwas Neues, das einzig durch Schreiben möglich gemacht wird (Assmann, 2020:52). Schreiben verändert die Welt. Schrift heisst Distribution. Assmann sieht darin den Grund für die globale Verbreitung, ja  Vorrangstellung europäischer Musik, ihren Vorbildcharakter, an dem alle teilhaben wollen, im Sinne von Weltmusik (Assmann, 2020:53).

Die Erfindung der Notenschrift im 11. Jh. im Sinne der Notation (siehe oben) als Gedächtnisstütze reicht zurück in die Antike. Im Mittelalter wird Notation zur Komposition. Mehrstimmigkeit, Polyphonie,

  • Schriftentstehung und frühe Schriftkulturen
    (Assmann, 2020:54–59)
    – frühe Schriftkulturen: Mesopotamien, Summerer, Ägypten
    funktionale Schriften:
    – Sprachzeichen als mnemotechnische Zeichen
    – Eigennamen, Sach- und Zahlenwerte
    – Besitz und Abgabeverhältnisse
    – Schrift dient der Buchhaltung
    – politische Repräsentation, Grabkultur, Kult (Assmann, 2020:54)
    – Gültigkeit über die Todesgrenze hinaus (Assmann, 2020:55)
    – Rezitation im Rahmen des Kults: Verwandlung der Toten in unsterbliche Mitglieder der Götterwelt
    – Fixierung des genauen Wortlauts (Mnemotechnik)
    – Pyramidentexte / sich in das Jenseits einschreiben, Namen, Listen, imaginäre Wirklichkeit

Assmann unterscheidet «funktionale» Schrift von Verschriftlichung von Mythen, Erzählungen, Weisheitslehren als kulturelle Schriftlichkeit (Assmann, 2020:57). Diese Schriftlichkeit dient nicht nur der Fixierung, sondern auch der Dynamisierung der Tradition, Schrift ist nicht nur Behelf.

«Die mündliche Überlieferung, die auf Performanz und Mnemotechnik beruht, kennt keine Archive.»

Archiv und Kanonbildung gehören zusammen. Kanonische Texte: zitierfähige Texte, Autorität der Texte, lebensformende Ansprüche der Texte, hat eine Auslegungskultur zur Folge, Verstehen der Texte, Hermeneutik. Kanonbildung zieht Auslagerungen nach sich (Assmann, 2020:58)

  • Kanonbildung in der musikalischen Schriftkultur
    (Assmann, 2020:59–64)
    – Musik als performative Kunst, die Aufführung ist zentral
    – Schrift spielt eine untergeordnete Rolle
    – Repertoire ist entscheidend: Bestand zur Wiederaufführung bestimmter Werke (Assmann, 2020:60) dem Zeitgeist, Mode unterworfen
    – Kanon: Vorbildlichkeit, Verbindlichkeit
    – Funktion des Kanons: didaktisch, alte Meister als Vorbilder → kompositorische Ausbildung / ästhetisch: Analyse, Kritik / werkgeschichtlicher Diskurs / Intertextualität
    – ersetzt das Prinzip Repertoire den Kanon?
    Schrift wird durch CD, DVD in der Funktion als Archives erweitert (Assmann, 2020:61): → schriftlose Musiken (auch Perf!), gilt auch für Filmwissenschaften.
    – Musikaufführende Institutionen: Klöster, Kirchen, Höfe, Schulen, Akademien
    – Musik-Dokumente-Sammlungen → Archive zu Studienzwecken / Musikwissenschaften
    Johann Christoph Pepusch (1667–1752, London, Komponist ua. der ersten Beggar’s Opera)
    Gottfried van Swieten (1733–1803, Leiter der Hofsbibliothek und der Zensurbehörde, Wien).Kanonisierung = Reflexivwerden von Traditionen (Alois Hahn)
    (Assmann, 2020:61)
    – Selbstthematisierungen einer Gruppe oder eines ausdifferenzierten kulturellen System (Religion, Kunst)
    – Rückhalt durch Rückgriff auf eine normative Vergangenheit (Assmann, 2020:62)
    – Der Tradition der Musik fehlte der Bezug zum klassischen Altertum, was der Etablierung der Musikwissenschaften im Weg stand (Assmann, 2020:62), es kommt zu → imaginativen Konstruktionen von kulturellem Gedächtnis (Assmann, 2020:63). So wurden für Monteverdis Opern das Vorbild der antiken Tragödie bemüht, gilt heute als Versuch der «Nobilitierung» der seconda pratica als neuer Stil, deren effektive Wurzeln in der Commedia dell’arte liegen.Kanonbildung → theoretischer und kommentierender musikästhetischer Diskurs
    – Kritik, Diskurs über Kriterien, über Aufgenommenes und Ausgeschlosssenes, über Maßstäbe
    Gründungszweck der Akademien (Assmann, 2020:63)
    – Bsp: 1726 Gründung der London Academy of Vocal Music, später Academy of Ancient Music.
    Georg Friedrich Händel (1685–1759) unterhält ein eigenes Archiv (aus dem er auch zitiert)»Diese Dynamik von Rückgriff und Innovation kann sich nur in einer Schriftkultur entfalten»
    (Assmann, 2020:64)

 


Jan und Aleida Assmann
Kulturelles Gedächtnis
Paradigmawechsel in den Kulturwissenschaften
zum kulturellen Gedächtnis gehören die in «teilweise jahrtausendelanger Wiederholung gehärteten» Texte, Bilder und Riten

 


Jan Assmann: Die Stimme der Hyeroglyphen. Stimme oder Gedächtnig? Die Schrift als Erweiterung der menschlichen Grundaustattung», in: Brigitte Felderer (Hrsg.): Phonorama. (S.23–

Small Inner Spaces IX
Audioscoring Postscriptum Wolman

Mosswood Sound Series
Oakland, California
15. Oktober 2023


Mosswood Sound Series, Small Inner Spaces IX Audioscoring, 15. Oktober 2023, Foto©CorneliaCottiati

I Pfeiffsumm
II Postscriptum (Audioscoring 1)
III palatal kkkk
IV Luftmegaphon
V Souffle (Performance)
VI Pfeiffsumm
VII palatal kkkk
VIII Postscriptum (Audioscoring 2)
IX Megaphonie

Material
Audioscore: Postscriptum, Gil J Wolman, 1952
Kopfhörer
Megaphon,
Schlauch, Plastikfolie
Mikrophonständer, Notenständer
Dauer: 31`

Introduction
I am interested in the histories and practices of experimental voices and vocal sounds. In my PhD, I researched the writings and performances of the Lettrist movement in post-war Paris. Lettrist poetry is essentially spoken poetry, and Isidore Isou (1925–2007) was its leader, with Gil J. Wolman (1927–1995) and François Dufrêne (1930–1982) being prominent members. Lettrists regarded poetry as the „Art of the Arts.“
I researched the lettrist and ultra-lettrist poetry by focusing on their performance practices, using my „Audioscoring“ method. Audioscoring, as the name implies, involves listening to a score instead of reading it. I examined the experimental voices by learning from them, understanding how these voices are created, and documenting my observations in a studio logbook as I recreated what I heard. Tonight, I will perform ‚Postscriptum‘ as an audioscore, a solo voice piece by Gil Wolman created in 1951. ‚Postscriptum‘ is three minutes long. In addition to the piece, you will hear breath and articulatory elements in line with Wolman‘s theory of ‚Megapneumie,‘ the theory of the ‚Big Breath‘.

 

 

 

 

 

Small Inner Spaces VIII
to jest moja apteca
Mazovian Museum, Płock, Polen
19. Juli 2023

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ablauf
I Backstage

Stuhl zur Seite der Bühne
Plastiktasche zerknüllt, warten
Hosentasche mit Bluetooth Lautsprecher (on, ppp/Handy on)

II Auftritt
schräg, Mitte der Bühne, sich zum Publ. drehen

die Stöckelschuhe ausziehen, akurat schräg zum Bühnenrand platzieren

III Small Elevation

auf die Zehen stehen, wird der Atem hörbar
berühren hingegen die Fersen den Boden: Stille
Augen auf den Boden richten (stabiler Zehentand)

IV Schwebung
re Hand von Plastiksack lösen
langsam fallen lassen
mit einem zweiten Impuls Hand in Hosentasche (Steuerung des Vol)
Schwebung (Sinuston) abhängig von Raumakustik

V Taschen-Lunge
Übergang zu Stimme, kurz nach der Vorgabe der Geräusche der Plastiktasche
Tasche auf Boden stossen, bläht sich, dumpf wie eine Bassdrum

VI Megaphon

VII Apteca
Bühnenrand (sitzend): Apteca und Megaphon mit Loop
Lipsink der Polnischen Sätze/Audioscoring

VII Gespenst

Material:
Body, schwarze Hose, grüne Stöckelschuhe mit grauem Gaffertape geflickt, rot-blau-weiss gemusterte Tragtasche

Bluetoothlautsprecher (JBL Go 3), Smartphone (sweep), Megaphon, Schalldämpfer, Loop mit es1↓
K7 Gerät und K7 mit F↑, K7 präp. als Gespenst (kurze Beine)
Smartphone = Apteca (18 Sätze Polnisch, Sweep – on, mute, damit JBLautsprechern nicht ausschaltet)
Papier mit den Sätzen und Brille, kleiner Schraubenzieher und Pinzette (für Gespenst), Mikrophon und Mikständer für die stumme Ansprache des Gespensts

Dauer: 26`

 

Lipsink
Mit Small Inner Spaces VIII wird Audioscoring um eine Variante reicher: die Stimme der Übersetzungsapplication spricht vor und mit Lipsink wird daraus eine Ansprache auf Polnisch. Es werden 18 polnische Sätze nachgesprochen. Versuche akurater sprachlichen Artikulationen, feinhörig, jede Abweichung stört.

To jest moja apteca_Lipsink
Small Inner Spaces VIII
Auditorium, Mazovian Museum, Płock
19. Juli 2023

 

International Performance Art_Mazovian Museum, Płock, Polen_Programm_S.1
International Performance Art_Mazovian Museum, Płock, Polen_Programm_S.2
International Performance Art_Mazovian Museum, Płock, Polen_Programm_S.3
International Performance Art_Mazovian Museum, Płock, Polen_Programm_S.4
International Performance Art_Mazovian Museum, Płock, Polen_Programm_S.5
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Small Inner Spaces VII
Audioscoring/Redoing (Phil Minton)

Galerie 26 Chaises
Paris, 18. Mai 2023


Small Inner Spaces VII Audioscoring/Redoing Phil Minton                                                Foto©CorneliaCottiati
Galerie 26 Chaises, 47–49 Rue Polonceau, Paris, 18. Mai 2023

I Intro [00]
II Sinus [8]
III Membran/Kazoo [9]
IV Atmung/close mik/Kazoo [12]
V palatal/ch [16]
VI Audioscore/Phil Minton [17]
VII Autro [24]

Material:
Kazoo plugged
Verstärker
MP3Player in Jackentasche
Audioscore Phil Minton: A Doghnut In One Hand
Dough Song 2, 3, 5, 7, 10, 11
Drainage Mr Wilkins
Dauer: 26`

Audioscoring wurde als praxisorientierte Forschungsmethode zur Analyse von extended vocal technics entwickelt. Im Rahmen meiner Dissertation Audioscoring & leere Stimmen: praxisorientierte Stimmforschung zu lettristischen und ultra-lettristischen Stimmexperimenten wurden Stimmaufnahmen der Ultra-Lettristen untersucht, die direkt mit Mikrophon auf Tonband aufgezeichnet worden sind. Graphische Notationen oder Verschriftlichungen ausgehend vom phoetischen Alphabeth gibt es für die der ultralettirstischen Stücke nicht. Die durch und durch sprachentfremdeten ultra-lettristischen Artikulationen entzeihen sich auch der Verschriftlichung. Abgesehen davon, dass die Notation durch die Aufzeichnung hinfällig wurde, wurde auch nicht von einer erneuten Interpretation oder Wiederaufführung ausgegangen. Im Gegenteil, diese wurde unterbunden. Was bleibt sind die Aufnahmen, die Artikulationen werden nie je wieder ausgeführt. Wozu auch? Mit dem Tonband sind die (vorerst) einmaligen Ereignisse in geradezu unheimlicher Detailtreue wieder und wieder abrufbar, die Einmaligkeit wird unendlich wiederholbar.
Small Inner Spaces VII stand im Zeichen von Covid. Die online Präsentationen der Covid-Jahren waren noch allgegenwärtig. In bester Erinnerung als Mangel-Ereignisse, die brüchigen weil schlecht synchronisierbaren Interaktionen, die fehlende Körperpräsenz, die Miniaturisierung und Verflachung durch die Präsentation am Bildschirm. Instabile Internetverbindungen, Zeitverschiebungen in der Übertragung, kleinste aber höchst irritierende Delays waren an der Tagesordnung. Nach dem Ende der Pandemie hatte der geradezu virulente mediale Mangelcharakter dieser Onlinedarbietungen einen merkwürdig langen Nachhall. Schufen die Stimmen im Kopfhörer, die Artikulationen in unmittelbarer Nähe zum Ohr, die geteilten-ungeteilten Räume nicht einen eigenen medialen Zauber, aus dem man, sobald die ZOOM-Sitzungen vom Bildschirm verschwanden, wie benommen erwachte?
In Small Inner Spaces VII wird Audioscoring nicht als Methode der praxisorientierten Analyse historischer Stimmaufnahmen präsentiert, sondern findet zum ersten Mal eine Anwendung im Bereich zeitgenössischer, experimenteller Stimmen. Inspiriert von den Präsentationsformaten der Pandemie wird Audioscoring jenseits von Interpretation zu einer Option, partiturlose Werke zur Aufführung zu bringen. Aber, im Unterschied zum Reenactment, das im letzten Jahrzehnt grosse Beachtung gefunden hat, im Sinn eines Re-doing oder En-acting.
Meine Anfrage ging an Phil Minton (*1940), London, Vokalperformer und Pionier der Improvisierten Musik. Die Auswahl fiel auf die Stücke Dough Song und Drainage Mr Wilkins der LP A Doghnut In One Hand. Es handelt sich um die erste LP mit Stimmimprovisation in meiner Sammlung.

 

 

Small Inner Spaces VI
Animal Musical

«Insub.polytopies»
Bernex, Genf
2022/23

Christophe Berthet, ss
Cyrill Bondi, vibr
Raphael Ortis, voc
Rodolphe Loubatière, perc
Violetta Motta, flute
Dorothea Schürch concept, conducting
Dauer: 22:27

Animal musical verbindet mit Umweltgeräuschen, Atemgeräuschen und Geräuschen von Instrumente drei grundsätzlich verschieden konnotierte Materialien. Grundlage der Tonbandkomposition bildet ein field recording des Standortes von «Insub.polytopies» in Bernex (Genf). Darunter mischen sich die Atemgeräusche eines riesigen Tiers, das dort am Waldrand schläft und in dessen Atem sich etwas wie Musik entdecken lässt: Andeutungen von Tonhöhen, kaum wahrnehmbare Glissandi, feine Verzierungen des Atemstroms, Stille. Alles noch keine Musik und eben doch unverkennbar: Musik! Auf den Spuren der heute überkommenen, einst kategorisch verstandenen Verschiedenheit von Geräusch und Musik. Zu hören sind der Wald und das Feld und die Geräusche, die von der Strasse und vom Flughafen herkommen, und die ruhigen, manchmal musikalischen Atemzüge des animal musical.

Animal Musical (Bandcamp)

109 Log 230528

112 Logbuch 230610_11 Space/Urs_Human/Machine

Schwaderhof

 

230610 Für Alex / Space / Urs Leimgruber

078 658 39 09

  • Mik als Instrument  Verstärker ≠ Aufnahmemik
  • Megaphon
  • Säge
  • Kazoo?
  • Sinus / oder sonst was in der Tasche

20 Sitzplätze

50`

4 LPs

 

 

ZOOM Meeting Susn, Sonntag 17h

Material von Susn

https://www.youtube.com/watch?v=jdrfx7Z5oo4  (60`/ Levin, McGilchrist, Watson)

McGilchrist: Welches Modell von „human“ ist im Spiel?

  • maschines like humans, humans like maschines
  • Begriff „mechanism“
  • Ist Komputer auch zu „cognition“ fähig, welchen Begriff von Kognition steckt dahinter?
  • Welche values/meanings sind mitgemeint
  • Sind die Begriffe: goodness, truth, beauty obsolet geworden?
  • “Nichts-Tun” ist wichtig – die Maschinen helfen uns nicht beim “Nichts-Tun”, im Gegenteil sie sind für die immer währende distraction verantwortlich
  • conciousness ist nicht nur Teil des Lebens, sondern des Universums?
  • Was aber auf jeden Fall mit „Leben“ einhergeht

 responsivness  responsability (reverberation)

 vulnerability / survival

Levin: es gibt verschiedene typen von Intelligenz

  • Maschines are not like us
  • Embrace the possibilities
  • space of possible beings, hybrids, cyborgs

 how to relate to them

  • Kategorien, wie etwas aussieht und woher es kommt sollten keine Rolle mehr spielen

Watson: Dinge haben einen “causual scale” / “causual depth”

  • zB Maschinen haben einen causal scale bezüglich Materialität: der Zweck der Maschine ist unabhängig vom Material, mit dem sie gebaut wurde
  • nicht so die Organismen. Organische Systeme filtern die Informationen bis in die molekulare Ebene, sie verbinden alle level
  • “causual depth” = KI sind deep learning systems

aber they are not connected all the way down like us, on the surface they look like us

McGilchrist: die Verwechslung ist gefährlich

  • We are not goal driven
  • Attraction / attracter driven
  • Organism: to understand the parts needs to understand the whole and for understanding the whole you need to understand the parts = paradox
  • Was ist Intelligenz? Eine Maschine kennt keinen Kontext, kein Sterben, kein honoring
  • KI sind also nicht intelligent
  • Für den Begriff der Seele gibt es kein Synonym, keinen Ersatz

Watson: shared values

Levin: die Evolution hat das Monopol auf Kreativität und Erfindung nicht gepachtet

  • E Begriff „active matter“

 

https://www.youtube.com/watch?v=Vbi288CKgis  (9`/ starting at 44:57- 53:44 / Levin, Rish)

this 9 minute segment reveals Levin’s motivational conflicts.

112 Logbuch 230606 Muschg_Theweleit

Adolf Muschg – der Andere

Adolf Muschg, Jahrgang 1943, schrieb sich in die vordersten Ränge der Literatur.

Er war ETH-Professor und präsidierte die Akademie der Künste in Berlin.

 

[48:57]

“Was ich gelernt habe im Zenbuddhismus war, dass man die Dinge nicht hinterfragt, sondern tut, jede Arbeit an einen Teestrauch oder jede Arbeit im Garten ist ein Zweck in sich selbst. Der Kern des Buddhismus ist eben, dass so wie wir sind den andern gleich sind, weil wir selbst auch anders sind als wir denken.

[50:01]

Radiomoderator:  Was heisst für sie heicho?

«bi sich sälber si, wo immer me sich und derfür z sorge, dass es sech lohnt bi eim sälber zi, das heisst a däm Selbst gnue gschafft zha, dass es Unterhaltigswärt het und dass me das nid vo andershär muess bezieh.

[50:01]

Wenn unser Leben ein bisschen gelingt und es Augenblicke darin gibt, in denen wir sagen, dafür habe ich gelebt oder Menschen gibt, von denen wir sagen, mit denen habe ich gut gelebt, oder die Menschen haben mir erlaubt, mit mir selbst gut zu leben, vielleicht wäre das noch die ehrlichere Formulierung – das ist es was man erwarten kann, erhoffen kann, nicht erwarten, erhoffen.

 

 

 

230607

Hinweis v. Maya

 

Theweleit im Gespräch

https://www.swr.de/swr2/literatur/seefahrt-und-poesie-wie-unsere-sprache-die-vokale-erfand-100.html

A, E, I, O, U: Klaus Theweleit forscht, wie Vokale in unsere Sprache kamen

30.5.2023, 12:05 Uhr

 

Ohne Vokale sprechen, das ist unmöglich. Dabei kannten die alten Schriftsprachen lange Zeit nur Konsonanten. Wie a, e, i, o und u plötzlich ins Alphabet kamen, dem spürt der Kultur- und Literaturwissenschaftler Klaus Theweleit in seinem neuen Buch nach.

 

Der Ursprung der Vokale liegt auf dem Meer

Davon ist der Freiburger Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit überzeugt. Genauer gesagt liege der Ursprung bei den Seefahrern im alten Griechenland um etwa 1200 vor unserer Zeit. Waren zuvor nur Konsonanten in der Schriftsprache festgehalten worden, tauchten nun auf einmal Vokale auf.

„Den entscheidenden Hinweis hatte meine Frau“, sagt Theweleit im Gespräch mit SWR2. „Sie kommt aus Sylt und weiß: Konsonanten gehen auf dem Meer verloren, nur Vokale hört man noch zwischen Wind und Wellen.“ Da liege es nahe, dass die Seefahrer irgendwann den Klang und die Form der Vokale festgelegt hätten.

Dass uns diese Kommunikation überhaupt erhalten ist, dass sich das Vokalalphabet also auch in der Schriftsprache durchgesetzt hat, dafür ist dann aber Homer mit seiner „Ilias“ verantwortlich. Denn nur Poesie und rituelle Texte hätten sich überhaupt erhalten, sagt Klaus Theweleit.

Und so gelingt dem Autor in „A – E – I – O – U. Die Erfindung des Vokalalphabets auf See, die Entstehung des Unbewussten und der Blues“ dann auch der weite Bogen hin zum amerikanischen Blues: Verschleppt, versklavt und in einer völlig anderen Umgebung, sei der Blues eine Weiterführung mündlicher afrikanischer Kulturen.

 

 

https://www.swr.de/swr2/literatur/klaus-theweleit-a-e-i-o-u-die-erfindung-des-vokalalphabets-auf-see-die-entstehung-des-unbewussten-und-der-blues-100.html

 

Buchkritik Frank Hertweck

Klaus Theweleit – a – e – i – o – u. Die Erfindung des Vokalalphabets auf See, die Entstehung des Unbewussten und der Blues

 

a-e-i-o-u: Wer hat das Vokalalphabet erfunden? Waren es die Phönizier oder gar der große Sänger Homer? Klaus Theweleit wagt seine eigene These: Es kommt von griechischen Händlern und Piraten auf See, die sich mit Vokalen viel besser verständigen konnten. Eine schöne Geschichte, wunderbar erzählt!

 

Kritik ist bekanntlich die Verwandlung von subjektivem Empfinden in Argumente. Aber manchmal steckt im kritischen Umgang mit einem neuen Text so viel Biographie, so viel Geschichte, dass sich die persönliche Betroffenheit gar nicht abstreifen lässt und man gar nicht umhin kommt, ICH zu sagen. So bei Klaus Theweleits neuem Buch: Die Geburt des Vokalalphabets auf See.

Anfang der 1980er Jahre fand ich im Wühlkasten meiner Stammbuchhandlung ein etwas zerlesenes Buch mit vielen Bildern, „Männerphantasien“ Band 2, erstes Kapitel: „Die Masse und ihre Gegenbildungen.“ Den Autorennamen noch nie gehört, aber ich entschied, wenn Elias Canetti, Literaturnobelpreisträger von 1981, drin vorkommt, der mit „Masse und Macht“ das bis heute unerreichte Werk zum Thema geschrieben hatte, dann kaufe ich`s. Ich fand seinen Namen schnell, und so begann die Geschichte einer leidenschaftlichen Lesebeziehung.

Und wenn man nun die ersten Seiten des neuen Essays im italienischen Mantua aufschlägt, dem Ort, von dem ich zuerst in Theweleits Großprojekt „Buch der Könige“ erfahren habe, weil dort Claudio Monteverdi die erste Oper der Weltgeschichte im Auftrag des Herzogs Gonzaga komponiert hatte: „Orpheus und Eurydike“, dann, ja dann zeigt sich einmal mehr, dass nichts ohne Geschichte gesagt und geschrieben werden kann. Genau daraus hat Klaus Theweleit, der seit vielen Jahren in Freiburg lebt, seinen besonderen Schreibstil entwickelt. Er hat immer ICH gesagt, schon in seiner berühmten Dissertation, die als „Männerphantasien“ veröffentlicht wurde, was mit Sicherheit eine konventionelle universitäre Laufbahn verhindert hat. So hat er also eine Ein-Mann-Universität über die Jahrzehnte aufgebaut mit Schutzheiligen wie Jean Luc Godard, Bob Dylan, Jimi Hendrix, dem Jazz, dem Blues, der auch im neuen Buch seinen Platz findet. Viele Musiker – eben.

Theweleit hat sich nie als Cheftheoretiker verstanden, eigentlich auch nicht als Essayist, er ist eine Art Geschichten-Erzähler. Wenn gilt, was Jean Paul einmal über Romane geschrieben hat, sie seien Briefe an Leser, dann schreibt Klaus Theweleit Romane, also Briefe. Sie sind Mischformen, Genrebastarde, anarchistische Allesfresser. Nichts, was nicht in ihnen passieren könnte. Seine großen, vielbändigen Vorhaben wie das „Buch der Könige“, eine wilde Enzyklopädie des Verhältnisses von Macht und, meist männlicher, Kunst, das sind Gesprächs- und Denkangebote.

Seine kleineren Texte eher Antworten auf Zeitlagen, auf Fundstücke, keine Nebenschauplätze, keine Gelegenheitsarbeiten, sondern eher Nebenstränge einer weit ausgreifenden Textproduktion. So auch das neue Buch. Es trägt den etwas umständlichen Titel: „A-E-I-O-U. Die Geburt des Vokalalphabets auf See, die Entstehung des Unterbewussten und der Blues“ und spielt dabei nicht nur auf die vielgebrauchte Nietzscheformel „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ an, sondern auf die anstoßgebende Essaysammlung: „Die Geburt des Vokalalphabets aus dem Geist der Poesie“.

Einer der Herausgeber ist der Medienwissenschaftler Friedrich Kittler. Und man wird nicht fehlgehen, wenn man unterstellt, dass Theweleits Buch eine persönliche Auseinandersetzung mit dem früheren Freund ist, 2011 verstorben, mit dessen leidenschaftlicher und sicher auch rechthaberischer Griechenbegeisterung, mit dessen irritierender blinder Treue für Martin Heideggers Person UND Philosophie, mit dessen Thesen zur Entstehung des griechischen Vokalalphabets. Was ist damit gemeint? Das griechische Vokalalphabet verändert die Leistungsfähigkeit von Schrift komplett. Jeder Laut bekommt sein Zeichen, so dass mit einer überschaubaren Zahl davon mündliches Sprechen aufgeschrieben werden kann. Man muss es nicht einmal verstehen, sondern nur in Einzellaute zerlegen. Bis dahin, so ungefähr 800 vor unserer Zeit, gab es so etwas noch nicht. Es existierten Bilderschriften, Begriffsschriften, Silbenschriften, auch Konsonantenschriften, aber die Vokale waren noch nicht definiert.

Das gelang erst den Griechen. Gleichzeitig wurden auch die Zahlen und musikalischen Noten mit diesen Buchstaben notiert, so dass man ähnlich wie mit den Ziffern 1 und 0 heute im Computerzeitalter mit einer nicht allzu großen Zahl von Zeichen die Welt abbilden konnte – eine medientechnische Revolution. Friedrich Kittler ging es dabei um die Reinheit der griechischen Initiative. Er glaubte, und es ist, darauf verweist Klaus Theweleit immer wieder, letztlich eine Glaubensfrage, dass die Griechen ihr Vokalalphabet erfunden haben, um die Epen Homers aufzuzeichnen. Also nicht um irgendwelche Inventarlisten zu führen, Lagerinhalte zu katalogisieren. Verwaltung eben.

Nein, es ging um Dichtung, Poesie, das Schöne. Und das ist natürlich ein wunderbarer und verführerischer Gedanke. Man kann die vielen Verästelungen der Argumente und Gegenargumente nicht nachzeichnen, aber dahinter steckt, so Theweleit, auch etwas sehr Grundsätzliches. Wie viele deutsche griechensehnsüchtige Gelehrte wünschte Friedrich Kittler sich ein Griechentum, das alles gleichursprünglich aus sich selbst hervorbrachte, die unerreichten homerischen Epen, die Ilias, die Odyssee, ihr Versmaß, den Hexameter, das Aufschreibesystem: Vokalalphabet. Mehr Genie geht nun wirklich nicht.

Klaus Theweleit widerspricht dem mit guten Argumenten: Er betont nicht nur die orientalischen Einflüsse auf die frühen Griechen, er glaubt eher an „Übernahmen“ statt an „Erfindungen“, an Vorformen, Mischungen, nicht an reine Ursprünge. Er entfaltet eine ganz andere Geschichte, eine des Seebären Klaus Theweleit, er ist in Schleswig-Holstein groß geworden, gegen die vielen Landratten wie den Oberschwaben Martin Heidegger, den Sachsen Friedrich Kittler, der am Rande des Schwarzwalds zur Schule ging, und das Gros der deutschen Griechenenthusiasten. Seine Erzählung: Das Vokalalphabet ist auf dem Meer entstanden. Die Griechen um 1000 vor unsere Zeit waren ein – Volk, wäre fast zu viel gesagt: eine Gemeinschaft auf Schiffen, sie hatten kein politisches Zentrum, keine Zentrale, keine Priesterkaste, die wie bei der Konsonantenschrift, die ohne Schriftzeichen für Vokale auskommt, darüber entscheiden konnte, welche Vokale zu setzen und wie darum ein Text zu verstehen war. Kommuniziert wurde auf Distanz, es wurde gerufen, geschrien, gegen das Meer, mit dem Meer. Und nur Vokale lassen sich über einen größeren Abstand hören, Konsonanten nicht. Darum mussten die fixiert werden. Luv darf man bis heute nicht mit Lee verwechseln. Eine schöne Geschichte, zweifellos. Und von Klaus Theweleit wunderbar erzählt. ICH glaube gerne daran. Vor allem, weil es eine Erzählung von Freiheit ist.

 

 

 

 

 

 

In Kyoto,

hearing the cuckoo,

I long for Kyoto.

 

Basho

 

 

 

 

 

230607 Engelchen

Gestern 8-14

heute 7-5 harzig