223 Log 250315 Forschungsfenster V

Scores Hespos, Scherchen ergänzen

Einladung
Forschungsfenster Dorothea Schürch | SO 30.3.25 | 18 Uhr | VIA Basel

DOROTHEA SCHÜRCH
FORSCHUNGSFENSTER «SCORE-DENKEN»
Sonntag, 30.3.2025 um 18 Uhr

VIA Studio
Amerbachstrasse 55a, 4057 Basel
Google Maps

I.  Score-Denken: Notationen, schreiben, aufschreiben, zuschreiben, überschreiben, anschreiben ­– eine Auswahl aus den Logbüchern
II.  Präsentation der Datenbank: www.thevoiceandthemachine.com
III.  Kommentieren als Performance:
nach Elke Erb: Es setzt auf mich 2004

Was mit einem ersten Forschungsfenster im Kasko Basel 2016 begonnen hat, findet nun im VIA Studio seine Fortsetzung.
Wir freuen uns auf euch!
Chris Regn und Andrea Saemann

Dorothea Schürch, Aus dem was sich so zuträgt I, Foto © Cornelia Cottiati
〈ort〉 Emmenbrücke, April 24

Dorothea Schürch macht nach den Forschungsfenstern «Leere Stimmen», «L’Anticoncept», «Membran» und «Wunderblöcke» unter dem Titel «Score-Denken» ihre Arbeit in Archiven und mit dem eigenen Archiv zum Thema: das Schreiben und Weiterschreiben ihrer Logbücher Forschungstagebücher), die mittlerweile in einer Online Datenbank gefasst wurden und zugänglich sind. Mit dem Titel Score-Denken bezieht sich Dorothea Schürch auf einen Workshop, den die IGNM gemeinsam mit OOR Salon und Irene Revell im März 2025 im Kunstraum Walcheturm Zürich durchgeführt hat. Mit dem Score-Denken erscheinen die herkömmlichen Aufzeichnungssysteme wie Notation und Recording in neuem Licht.

 


Erster Teil
Einführung

  • MUWI = Scores, Notationen, neu: graphic scores, text scores
  • Selbstverständnis als Musikerin → Notenlesen
  • Sorgen / Sorgfalt, wie diese Zeichen zu interpretieren und umzusetzten sind
  • Gilt auch für Performances Art: Wie werden Performance notiert?
  • Notation und Wiederaufführbarkeit: Performance als Premiere, als Premiere und Derniere, Notation als Grundlage für den Verkauf von Performances ua..
  • scoring oder making a score
  • → Frage: steht scoring sowohl für das Erstellen eines Scores, wie für dessen Umsetzung?
  • freie Improvisation in den 80ger Jahren → Verweigerung von Scores / Noten (vgl. Jazz/Real Book)
  • → Frage: wann hast du diese Haltung aufgegeben?
  • Score Denken wurde in der Ausschreibung des Workshops Diffraction Work verwendet. Der Workshop wurde von der IGNM Zürich in Zusammenarbeit mit OOR Saloon und Irene Redevell im Walcheturm in Zürich im März 25 durchgeführt.
  • «Score» dient als Stichwort zur Auswahl von sechs Logbücher der Datenbank
  • 6 der Eintragungen wurden für das Forschungsfenster V zusammengefasst

 


Präsentation der Scores
Cathy Berberian: Stripsody
Luciano Berio: Sequenza III
Earl Brown: Folio
John Cage: Song Book
Hans-Joachim Hespos:
Pauline Oliveros: Deep Listening
Joko Ono: Grapefruit
Tona Scherchen: Träne

  • Biographische Angaben
  • Catherine Berberian (1925 Massachusetts ­– 1983 in Rom) war eine US-amerikanische Sängerin (Mezzosopran) und avantgardistische Komponistin. Sie gilt als eine der vielseitigsten Sängerinnen der Geschichte.
  • Luciano Berio (1925 in Oneglia – 2003 in Rom) war ein italienischer Komponist, bekannt für seine experimentellen Kompositionen und als einer der Pioniere der elektronischen Musik.
  • Earl Brown (1926 Massachusetts – 2002 New York war ein US-amerikanischer Komponist, Mitglied der sogenannten New York School von Komponisten.
  • John Cage (1912 in Los Angeles –1992 in New York City), US-amerikanischer Komponist und Künstler.
  • Hans-Joachim Hespos (1938 ­–2022) war ein deutscher Komponist und Verleger seiner Werke.
  • Pauline Oliveros (1932 – 2016) war eine US-amerikanische Komponistin und Akkordeonistin.
  • Tona Scherchen, (*1938 Neuchâtel.), is one of the first composers who brought Chinese elements into European avant-garde art music.Tona Scherchen was born into a musical family in Neuchâtel. Her father was conductor Hermann Scherchen and her mother was composer Xiao Shuxian. She spent the first 12 years of her life in Europe, particularly in Switzerland. She arrived in China in 1950 with her mother and her older sister Féfé. In 1956, just a year before China fell into political chaos, she returned to Europe to be with her father in order to pursue further music education. Her teachers included György Ligeti and Hans Werner Henze.
    After the 1960s, Scherchen had become an active composer, titles of her music were frequently seen in contemporary music programmes. Her works were published by prominent publishers, and several articles on her as a composer can be found, although after some appearances in 1980s, she seemingly ceased to catch attention beyond her French circle.
  • Yoko Ono (*1933 Tokyo) ist eine japanisch-amerikanische Künstlerin, Filmemacherin, Experimentalkomponistin und Sängerin. Sie gilt als eine der bedeutendsten Vertreterinnen der Fluxus-Bewegung, Ono Anfang der 1960er Jahre in Künstlerkreisen einen Namen gemacht und trat zunehmend als Friedens- und Menschenrechtsaktivistin auf.

Präsentation der Datenbank

  • Diese Datenbank entsteht im zusammen mit meinem Auftrag an der HKB im Institut Interpretation experimentelle Stimmen der 50ger bis 70ger Jahren zu erforschen, die zu dieser Zeit mit Tonband aufgezeichnet worden sind: Experimentelle Stimmen und Tonbandmaschinen.
  • Die Datenbank in dieser Form ist ein Experiment, das sich erst noch zu bewähren hat. Es ist ein Work in Progress. Sie verändert sich ständig: neue Einträge werden in neue Rubriken gefasst etc. etc.
  • Meine Forschungsfenster I-IV waren schwerpunktmäßig mit experimentellen Stimmen befasst. Es ging um „leere Stimmen,“ also um einen stimmphysiologischen Umgang mit Stimme jenseits der Sprache, um sogenannte vor- und nachsprachlichen Transformationsprozesse der Stimme. Stimmgebung vor der Artikulation und um nachsprachliche Lautlichkeit, in der sich die Bedeutung der Worte verliert trotz der sprachlichen Artikulation.
  • Im Rahmen des Forschungsprojekt bin ich nach Paris, nach San Francisco und nach London gereist, um in den entsprechenden Archiven nach diesen Stimmen zu suchen, um die Konzertorte oder Studios zu besuchen in den diese Stimmen performt und aufgezeichnet wurden. Auch eine Gelegenheit Interviews zu machen zur Geschichte der experimentellen Stimmen und der Entwicklung des Tonbands als Kompositionswerkzeug.
  • Reisetagebücher, Gespräche, Notizen zu Bücher und Publikationen – was immer ich geschrieben habe wurde als Logbuch-Eintrag nummeriert und datiert.
  • Vorstellen der einzelnen Rubriken der Seite

Logbuch-Auswahl
Stichwort SCORE DENKEN

219 Log 250221 Score-Denken
172 Log 240712 Saemann meets Schneemann_Jäger: ‚Aura’ und
141 Log 231001 Grüny: Scores zwischen Aufbruch und Normalisierung
129 Log 230912 Krämer_Aspekte einer philosophischen Theorie der Schrift
129 Log 230912 Assmann Schrift_Gedächtnis_Musik
081 Log 230220 Saidiya Hartman_Critical Fabulation_different bodies

ORD, alle können alles runterladen und verwenden
Alle Quellen überprüfen


Zusammenfassung der Eintragungen

129 Log 230912
Assmann Schrift_Gedächtnis_Musik


Jan und Aleida Assmann

Kulturelles Gedächtnis
Paradigmawechsel in den Kulturwissenschaften
zum kulturellen Gedächtnis gehören die in «teilweise jahrtausendelanger Wiederholung gehärteten» Texte, Bilder und Riten

Jan Assmann (1938–­2024)
Kultur- und Religionswissenschaftler, Ägyptologe
Schrift-Gedächtnis-Musik, 2020

Fokus: Begriff der funktionalen Schriften:
– Sprachzeichen als mnemotechnische Zeichen
– Eigennamen, Sach- und Zahlenwerte
– Besitz und Abgabeverhältnisse
– Schrift dient der Buchhaltung

– politische Repräsentation, Grabkultur, Kult (Assmann, 2020:54)
– Gültigkeit über die Todesgrenze hinaus (Assmann, 2020:55)
– Rezitation im Rahmen des Kults: die Toten werden unsterbliche Mitglieder der Götterwelt


129 Log 230912
Krämer_Aspekte einer philosophischen Theorie der Schrift


Sybille Krämer

Zu einigen Aspekten einer philosophischen Theorie der Schrift

Das was Schrift ist und leisten kann in 4 Geschichtspunkte geordnet
– Räumlichkeit
– das Graphische (Graphismus)
– das operative Potential
– Affinität von Schrift und Maschine (Komputer)

Fokus: Räumlichkeit
Worin liegt die Attraktivität der Schrift, der artifiziellen Flächigkeit?

  • Sonderraum eines zweidimensionalen Raumes, indem alles kontrollierbar wird
  • = Überblick, Vogelflugperspektive
  • In der Partitur nimmt die Musik einen operativen, überblickbaren Raum, es ist zu sehen, was gewesen ist und was kommen wird…
  • Überklang des Klangraums der leiblichen Dreidimensionalität in den Schauraum der artifiziellen Zweidimensionalität, diese Transformation bringt ein neues Potential
  • Schrift ist kreativ, weil man sie auf dem Papier herumschieben kann, umstellen, kopieren, zusammenfassen – abgesehen davon sind Zahlen erst durch die Schrift/Zeichen sichtbar
    = das Potential der Schrift

Es geht um Schriftkonfigurationen.

 


141 Log 231001
Grüny: Scores zwischen Aufbruch und Normalisierung

Christian Grüny:
Scores zwischen Aufbruch und Normalisierung

Fokus:
sprachbasierte Notationen, die von Karkoschka, nur stiefmütterlich behandelt werden. Es geht um die Partitur, als Instanz der präzisen Fixierung der Vielstimmingkeit.

künstlerische Präskriptionen / Scores bezieht

  • Unterschiedliche Konstellationen, die in die Notation eingetragen werden
  • Konstellationen von Konzeption, Interpretation und Rezeption
  • Stichworte: Interdisziplinarität, Heterogenität, Vermittlung, Komplexität

La Monte Young
Composition 1960 #7
to be held for a long time

Yoko Ono (Grapefruit)
Voice Piece for Soprano
scream
‹against the wind›
‹against the wall›
‹against the sky›

 


219 Log 250221 Score-Denken
Score Denken

Workshop «Diffraction Works – Score Workings»
by OOR Saloon in collaboration with Irene Revell
Sunday 2.3.2025 at Walcheturm Zürich
Fotos und Kommentar

 


Zweiter Teil
Performance
Aus dem was sich so zuträgt IV
nach Elke Erb

 


Fotos und Video im Archiv der Verfasserin

 

216 Log 250116 Werner Klüppelholz
Sprache als Musik

Werner Klüppelholz: Sprache als Musik. Studien zur Vokalkomposition bei Karlheinz Stockhausen, Hans G Helms, Mauricio Kagel, Dieter Schnebel und György Ligeti. Dissertation, Universität zu Köln 1976. 2. Auflage. Pfau, Saarbrücken 1995.

I
Einleitung 

1. „Musik und Sprache“ – zur Methodik (Klüppelholz 1995:1)
Weitgefasster Begriff von Sprache

Gerold Ungeheuer (1930–1982, deutscher Phonetiker, Kommunikations- und Sprachwissenschaftler): (1)
– Kommunnikationsprozess
– Gesamtheit der kommunikativen Mittel

Iván Fónagy (1920–2005 ungarischer Philologe und Linguist): «Die Eigenart des sprachlichen Zeichens. Bemerkungen zu einer alten Streitfrage», in: Lingua 6, 1956, S. 67:
– Polyphonie der Sprache

Nikolai Sergejewitsch Trubetuzkoy (1890–1938, russischer Linguist und Ethnologe) zit. n. Georg Heike (1933–2023, deutscher Komponist, Linguist): Sprachliche Kommunikation und linguistischen Analyse,  Heidelberg, 1969, S.9)
– drei Ebenen: wer spricht, was gesprochen wird, der Tonfall des Gesprochenen

Meier-Eppler (1913–1960)
deutscher Phonetiker, Physiker, Informationstheoretiker
– diagnostische, expressive semantische Sphären der Sprache

zit. n. Heike (1969:9)

Gemeinsamkeit von Sprache und Musik (Klüppelholz 1995:2)

Peter Hartmann (1923–1984, deutscher Sprachwissneschaftler)
– Klang, Zeitablauf, Systemcharakter (Peter Hartmann: Syntax und Grammatik, Assen, 1964, S.58)

Robert de Souza (1864–1946, Poète symboliste): «De la voix parlée à la voix chantée»,  in: Revue Musicale, 13. Jg.
– man singt im Sprechen und spricht im Singen (Souza 1923:283)

Nicolas Ruwet (1932–2001, französischer Linguist)
Nicolas Ruwet: «Fonction de la parole dans la musique vocal» in: Langage, Musique, Poésie, Paris , 1972
– bei der Übertragung in Musik gehen Strukturmerkmale verloren (Ruwet 1972a:56)

Getrennt durch Bedeutung
Dichotomie von Klang und Bedeutung (Klüppelholz 1995:3)

Vokalmusik oder Sprachkomposition
Auswahlkriterium der Werke (Klüppelholz 1995:4)

  • keine Klangfarbenkomp (Nono, Lutoslawski)
  • keine Buchstabenreihungen (Penderecki)
  • keine Textvertonungen

Karlheinz Stockhausen (1928–2007): Gesang der Jünglinge (1955–56)
Hans G Helms (1932–2012): Fa:m Ahniesgwow (1959)
Maurizio Kagel (1931–2008): Anagrama (1957–58)
Dieter Schnebel (1930–2010): Glossolalie (1960–65)
György Ligeti (1923–2006): Aventures (1962–63)
Luciano Berio (1923–2005): Sequenza III (fehlt – bereits vielfach analysiert)

2. Veränderungen in der neueren Vokalmusik (Klüppelholz 1995:5)
Romantisches Lied = deklamatorisches Prinzip
Vertonung (Klüppelholz 1995:6)
Summen, bocca chiusa Techniken (Klüppelholz 1995:7) siehe:
– Walter Wiora (2) : «Jubilare sine verbis», in: Memoriam Jaques Handschin, ed. H. Anglès et . al. Strassburg, 1962, S. 55
– Hector Berlioz (1803–1869): Grosse Instumenationslehre, 1843, S.217

Meilensteine d. Vokalkomposition:
Claude Debussy: Sirènes (Trois Nocturnes, 3. Satz, 1900), Pierre Boulez (1925–2006): Le marteau sans maître (1952–1955), John Cage: She’s asleep, Gustav Mahler: Lied von der Erde, Webern, Wagner, Schönberg, Milhaud: Les Choéphores, Alban Berg: Lulu

2.1 Wagners Theorie der Vokalmusik und ihre Anwendung in „Tristan und Isolde“
Wagner glaubt in einer Rückentwicklung der Sprache die verlorene Ganzheit von Gefühl und Verstand zu finden.
Das Sein der Sprache soll hörbar werden (Klüppelholz 1995:10)
Wagner als Sprach-Musik-Alchemist (Klüppelholz 1995:11)
Mit der Bildung von Sprachwurzeln aus Vokalen und Konsonanten sucht Wagner nach charakteristischen Verbindungen → Wagner als Psychophonetiker (Klüppelholz 1995:13)
Wagner spricht von der «Urverwandtschaft alle Töne» GS/250
Versmelodie in Anlehnung an den natürlichen Sprachverlauf
(Klüppelholz 1995:16)
in der Versmelodie treffen sich Sprache und Musik
Versmeldodie und Orchestermelodie verschmelzen
Wagner versteht, «dass Sprache in allen ihren Dimensionen, der semantischen, syntaktischen und lautlichen , komponierbar ist und mit allen musiklaischen Parametern in Beziehung treten kann.
(Klüppelholz 1995:25)

2.2 Der Sprechgesang in Schönbergs „Pierrot Lunaire“
Sprechgesang wurde vom dt. Komponisten Engelbert Humperdinck (1854–1921) eingeführt und von Arnold Schönberg (1874–1951) in „Pierrot Lunaire“ 1912 aufgegriffen (Klüppelholz 1995:25)
– Kritik am Belcanto (Klüppelholz 1995:27)
– bessere Verständlichkeit des Textes
– trotzdem bei weitem kein alltägliches Sprechen, Stichwort: Verfremdung (Klüppelholz 1995:28)
– ironisch-satirisch, «schein-theatralisch», so Pierre Boulez in: «Poésie– centre et absence – musique» in: Melos 38, 1963, S. 40)
(Klüppelholz 1995:30)

– Ausführbarkeit bezüglich Tonhöhen ist ein grosses Problem, nicht aber die «Bewegungsrichtung der Sprechtonschritte» (vgl. W. Heinitz: «Die Sprechbewegungen in Arnold Schönbergs Pierrot Lunaire», in Vox, Mitteilungen aus dem ohonetischen Institut der Univeristät Hamburg, 1925/26)
– Akzentmelodie (Klüppelholz 1995:32)
– Schönberg geht über Wagner hinaus: «Indem Schönberg die Glissandi des sprachlichen Tonhöhenverlaufs nachbildet, entzieht er damit die Vokalmuik der bis dahin gültigen tonalen Stufenordnung und hebt die «Instrumentalisierung» der Stimme auf.» (Klüppelholz 1995:34)
– Damit ist Schönberg ein Vorläufer des reinen Sprechens in der Vokalmusik
– «Ein wesentlicher Moment des Sprechgesangs ist die Einbeziehung der Konsonanten in die kompositorische Struktur. Sie vermitteln weit mehr zwischen Sprache und Musik als die Vokale» (Helms 1964:141)
– Aufwertung der Konsonanten (Klüppelholz 1995:35)

2.3 Zur Funktion des Textes in Boulez‘ „Le marteau sans maître“ (1953-1955)
Luigi Nono (1924–1990): il Canto sospeso (1956)
Luciano Berio (1923–2005): Circles (1960), nach Gedichten des amerikanischen Dichters E. E. Cummings (1894_1962)
Roman Haubenstock-Ramati (1919–1994): Credentials or think, think, Lucky (1960), Text v. Samuel Beckett
Pierre Boulez (1925–2016): Le marteau sans maître

markieret eine Grenze:
– «textfeindliche Verfahren (Klüppelholz 1995:36)
– Missverstehen des Textes
– Zerdehnung und Zerstückung (Klüppelholz 1995:37)
– die Gedichte von René Char als Ausgangsmaterial von Le marteau sans maître weisen selbst nur Spuren eines semantischen Inhalts auf (Klüppelholz 1995:37)
– Der Text wird zum Formengenerator (Klüppelholz 1995:39)
– zwar verzichtet die serielle Musik auf die traditionelle Formprizipien, was sie aber mit «zäsurierender Verwendung der Sprache kompensiert» (Klüppelholz 1995:39)

 

II
Kategorien und Beispiele


1. Sprache und elektronische Musik
Karlheinz Stockhausen: Gesang der Jünglinge (1955–56)

1.1 Vorgeschichte
Uraufführung am 30.5.1956, Kölner Funkhaus
Produktion: Gottfried Michael Koenig (1926–2021) deutscher Komponist, Mitarbeiter im Studios für Elektronische Musik in Köln, Mitarbeit/Produktion von Gesang der Jünglinge
Produktionsdauer: ca. 6 Monate
der Plan einer elektronischen Messe wurde von den Kirchenbehören vereitelt (Klüppelholz 1995:42)
Herbert Eimert (1897–1972, deutscher Komponist und Musiktheoretiker, Begründer des Studios für elektronische Musik des NWDR in Köln): «Zur musikalischen Situation», Techn.Hausmitteliung des NWR, Sonderheft Elektronische Musik, 1954, S 44): zu Elektronische Klangerzeugung, Voder und Vocoder (Klüppelholz 1995:43)

Webseite Stockhausenspace: Gesang der Jünglinge
Deutschlandfunk:Gesang der Jünglinge
John Smalley, 2000: Gesang der Jünglinge, History and Analysis, 2000

Stockhausen studiert bei Meyer-Eppler Phonetik (Begründer des elektronischen Musik und Kommunikationsforschung) (Klüppelholz 1995:44) Begriff der Redundanz in der Informationstheorie: Anteil eines Nachrichtensignals, der ohne Informationsverlust entfernt werden kann (Klüppelholz 1995:45)
– gegen die Redundanz der Wiederholung
– konstitutive «Allergie» der Neuen Musik gegen Wiederholung (Klüppelholz 1995:46)
– NM entledigt sich «ihres kultischen, ritualen Wesens, wie es Kategorien vom Typus des Verses der Strophe und
des Reimes» (Adorno 1963a:50)(Klüppelholz 1995:46)
– rigides Wiederholungstabu der Neuen Musik (Klüppelholz 1995:46), wird durch den Gesang der Jünglinge angetastet

Phonetisches Denken in folgenden Begriffen:
– statistische Strukturgesetze der Sprache
– Verbundswahrscheinlichkeit
– Verständlichkeitsskala
– Persönlichkeitsformaten
– Veränderungsgrad, Veränderungsdichte (Klüppelholz 1995:47)
– Geräusche als «statistisch»-polcphne Zeitstrukturen von Klangelementen (Klüppelholz 1995:47)

1.2 Klangfarbe
die elektronische Musik liefert keinen Notentext
(Klüppelholz 1995:49)

zentral:
– Verbindung von Sprachlauten und el. soll «natürlich» sein
Karlheinz Stockhausen: Texte zu eigenen Werken, zur  Kunst Anderer, Aktuelles. Bd. 2. Aufsätze _ 1952–1962 zur musikalischen Praxis. Köln, Verlag Dumont Schauberg, 1964,  S.51)
– dadurch dass «die gesungene Sprache durch ein künstliches Verfahren objektiviert und in die Natur der elektronische Klangwelt eingeschmolzen» wird (Stockhausen 1964:51)
– «Kontinuum an Klangfarben zwischen Sinuston und weissem Rauschen» (Stockhausen 1964:51)
– Entsprechungen von Sprachlauten und elektronischen Klängen: Klang-Vokale, Rauschen-Frikative, Impuls-Plosive (Klüppelholz 1995:50)

1.3 Textverständlichkeit
Stockhausen denkt bei Textverständlichkeit an ein Kontiuum von Verständlichkeit und Nicht-Veständlichkeit.
Zwischen den Polen Sinn zu Unsinn finden sich «undeutliches Sprechen», «mit halbem Ohr zuhören, nicht ganz verstehen» zwischen «Hören
und verstehen ist ein kontiuierlicher Übergang möglich» (Stockhausen 1964:61)
Sowohl für Dieter Schnebel (3) wie auch für Klüppelholz sprechen von  fast schon trad. «Vertoung» des Textes, durch die syllabische, melismatische, chorische Vertonung bleiben die semantische Botschaft, der Verlauf des Textes erhalten,(Klüppelholz 1995:60). Ziel sei die «Ritualisierung der Sprache» (Stockhausen 1964:59). «Was das singuläre Wort an Magie verlor, wird ihm gleichwie durch Massnahmen, dirigistischen angeschafft.» (Adorno 1964:10) (Klüppelholz 1995:61)

1.4 Kontiunuum von Klang und Bedeutung
Klangspektren der Sprachlaute = «where language and music become almost one» (Ronald Cogan: «Toward a Theorie of  Timbre: verbal timbre and musical Lines in Purcell, Sessions and Stravinsky», in: Perspectives of New Music, Vol. 8, No. 1 Autum-Winter, 1969, S. 75-81)

Werke:
Herbert Eimert: Epitaph für Aikichi Kuboyama (1962)
«basiert auf nach Helligkeit gestuften mit Ähnlichkeitsketten» (Klüppelholz 1995:62)
generiert sämtliches Material durch Filterung oder Verstärung der Spektralanteile, des auf das Tonband gesprochenen Textmaterials und anderen Tonbandtechniken (Klüppelholz 1995:63)
Luciano Berio: Tema – Ommaggion a Joyce (1959) und Visage (1961)
Giörgy Ligeti (1923 – 2006): Aventures, 1962
Die elektronischen Klänge erhalten in diesem Sprachzusammenhang eine «konkrete» Anmutung, dass es nach Eimert künftig hinfällig sein werde, zwischen konkreter und elektronischer Musik unterscheiden zu wollen. (Klüppelholz 1995:64)

von der Sprache in die elektronischen Musik übertragen
«Die Konkretheit der Sprache, das Prinzip einer Stufung semantischer Verständlichkeit und das Kontiummmum von Klang und Bedeutng – ob in suzessiven Übergängen oder simultanen Mixturen von Sprach- und musikalischen Klängen – stellen neben dem Modell klangfarblicher Differenzierung die kompositorischen Mittel dar, welche die nachfolgenden vokalen von den elektronischen Kompositionen übernehmen.» (Klüppelholz 1995:64)

 


2. Musikalische Tendenzen der Literatur:
Hans G Helms FA:m Ahniesgwow (1959)

die literarische Seite
vgl. lautpoetische Werke: Schwitters Ursonate, Isodor Isous: «musiquelettrie» (Isou 1947:352); Hugo Ball: Karawane, Wolken ua. (Klüppelholz 1995:65)
Hans G Helms: FA:m Ahniesgwow ist eine tripelparametrische Komposition: Semantik, Phonetik, Morphologie

2.1 Zur Entstehung (Klüppelholz 1995:68)
sprachwissenschaftlicher Hintergrund
Helms betrachtet Arno Holz und James Joyce (Finnegan’s Wake) als seine Vorläufer
FA:m Ahniesgwow in seiner ursprüngl. Form ein 800 Seiten starker Roman (1951)

2.2 Semantik (Klüppelholz 1995:71)
aritifizielle Fremdsprache aus eine analytischen Dekonstruktion einer vorgefundenen Sprache (Klüppelholz 1995:71)

2.3 Syntax und Klang (Klüppelholz 1995:77)
2.4 Kritik der sprachlichen Verdinglichung (Klüppelholz 1995:81)
Abweichend von der normativen Sprache
– falsche Wortwahl
– Verfehlen der syntaktischen Konstruktion
– Vernächlässigen der Aussprache
– Dekonzentration
– Erregtheit
– Alkoholeinfluss
– Parodie
Von Heinz-Klaus Metzger (4)   in «Das Contre–Festival», Kölner Stadt-Anzeiger, 25./26.6., 1960) als «das zentrale literarische Werk des geschichtlichen Augenblicks» begrüsst, von der Kritik als Defekt, als Wortsalat apostrophiert (Klüppelholz 1995:82)

– Kritik an der Verdinglichung der Sprache verstanden (Klüppelholz 1995:82)
– Angriff auf positivistisch isolierte Definionen (Klüppelholz 1995:84)
– Kritik auch an Stockhausens Abstraktion von der sozialen Realität (Klüppelholz 1995:84)
» Unmöglichkeit, verdinglichten Sprachgebrauch zu kritisieren, ohne selbst der Verdinglichung zu verfallen. «Fa:m Ahiniegwow» entrinnt ihr um den Preis, ein Rätsel zu bleiben.» (Klüppelholz 1995:85)

 


3. Komposition von Sprache
Maurizio Kagel: Anagrama (1957–58)
vier Solostimmen, Sprechchor und Insturmentalensemble (1957-58 //Urauff. 1960)
Anagram: «In girum imus nocte et consumir igni» (Klüppelholz 1995:86)
(Wir kreisen in der Nacht und werden vom Feuer verzehrt)
nicht-elektronische Sprachkomposition, der elektronischen Musik verpflichtet
– elektronisches Denken: bewusste Syntheses aller Klangeigenschaften (Klüppelholz 1995:103)

3.1 Worterzeugung (Klüppelholz 1995:87)
Text als Generator neuer Wörter und Sätze
– Erweiterung des Phonemrepertoires
– Permutationen
– versch. Sprachen

3.2 Textverteilung (Klüppelholz 1995:92)
3.3 Lautproduktion – Lautschicht (Klüppelholz 1995:101)
– Verklanglichung des Textes: Vokalpart = Text- und Lautschicht
– asemantische Lautschicht ist phonetisch notiert
– prosodische Merkmale: Tonhöhe, Silbendauer, Lautstärke sind genau festgehalten
– Dreiliniensystem: hoch, mittel, tief
– vom Interpreten abhängige Tonhöhe / keine absolute Tonhöhe
– spezifisch sprachliche Anweisungen wie guttural (Klüppelholz 1995:102)
– «Das Repertoire an Sprachlauten und vokalen Klangfarben […] durch verschiedene sukzessive und simultane Lautverbindungen […] erweitert» (Klüppelholz 1995:105)
3.4 Analogien im Instrumentalpart (Klüppelholz 1995:113)
3.5 Kagels Formbegriff (Klüppelholz 1995:117)
– unartikuliert (Klüppelholz 1995:118)
– antiserialistische Haltung (Baukasten) / Infantilismus (Klüppelholz 1995:119)
– statt dessen: stetigen Übergang
– die Musik wird abstrakter: «sie schüttelt die letzten Relikte ihrer einstmaligen Funktion ab» (Klüppelholz 1995:120)
– das für Kagel charakteristische Prinzip der «divergierenden Heterophonie» (Schnebel 1970: 278) (Klüppelholz 1995:121)
– «Momentform» → Abbau serieller Orthodoxie (Klüppelholz 1995:122)
3.6 Zur Dialektik des Verstehens (Klüppelholz 1995:122)
– keine mühelose Rezeption im Sinne der «primitiven Anpassung» (Klüppelholz 1995:124)
– Ars combinatoria
– «kabbalistisches Werk», so Methger (Klüppelholz 1995:124)
Anagrama → Sprache geht in Musik auf (Klüppelholz 1995:125)

 


4. Komposition von Sprachen:
Dieter Schnebel: Glossolalie (1960–65)

(Viel)sprachigkeit in den Neuen Vokalkompositionen
– Kagels Anagrama erzeugt Vielsprchigkeit semantische Vieldeutigkeit
– Berio Tema-Ommaggio a Joyce und Globokar Voie führen die verschiedenen Übersetzungen ein und desselben Textes zu einer Einheitlichkeit des semantischen Inhalts (Klüppelholz 1995:126)
– In Berios Sinfonia und Zimmermanns Requiem für einen jungen Dichter kommen unterschiedliche Originalsprachen zur Anwendung
– Cage komponiert in Aria und Solo for voice I und II die klangliche Dimension von Textfragmenten und Wörter
– Schnebels Glossolalie bezieht sich auf Sprache und ihrer unterschiedlichen sozialen, historischen und poetischen Strukturen (Klüppelholz 1995:126f). Von der Glossolalie gibt es zwei Fassungen, eine vorkomponierte (die die Mitbestimmung der Interpreten bedingt) und eine auskomponierte (Klüppelholz 1995:127). «Charakteristikum der «Glossolalie», die soziokulturelle und historischen Dimension der «Sprache» Msuik sichtbar zu machen». (Klüppelholz 1995:139)

4.1 Prinzipien der Materialpräparationen
– indeterminierte Grossform
– Einzelabschnitte variabel, basierend auf «Materialpräparationen» im Sinne von «Knoten von Parmeterwerten» (Schnebel 1972:257) (Klüppelholz 1995:127)
– die offene Form zwischen «totaler Determinsation und totaler Unbesstimmtheit» (von Cage beeinflusst: vgl. Imaginary Landscape IV) ist konsitutiv für die Glossolalie (Klüppelholz 1995:129)
4.2 Zusammenhang der materialpräparationen
– Materialpräparationen als konstrasiterende Variantenpaare (Klüppelholz 1995:130), in drei Klassen unterteilt
4.3 Sprachtypen
– Gesprochenes als Musik (Klüppelholz 1995:134)
– Korrelation von experessiver und semantischer Sphäre (Klüppelholz 1995:134)
– Assoziatition als gemeinsamer Nenner von Sprache und Musik (Klüppelholz 1995:134)
– Sprechverläufe und Sparchmaterial als Farbfelder (Klüppelholz 1995:134f)
– konnotative Bedeutungen (Klüppelholz 1995:135)
– Kommunikative Verhaltensweisen
daraus ergeben sich folgende Materialpräparationen
– einwände/entwürfe
– bestätigungen – folgen
– einverständnisse
– für sich – gegeneinander
– iuxtapositionen
– intuitiven  perspektiven
– kontraste – versammlungen
– fortsetzungen – verbindungen
[…](Klüppelholz 1995:136f)
4.4 Funktionen des Instrumentalparts
– Ziel ist «eine integrale Verbindung von Sprache und Musik» oder zumindest eine «Kongruenz sprachlicher und musiklischer Inhalte» (Klüppelholz 1995:139)
4.5 «Glossolalie 61»
4.5.1 Besetzung
4.5.2 Sprachinhalte und Form
vgl. pdf. Klüppelholz 1995:142–50
4.5.3 Verhältnis der Sphären – Verständlichkeit
– eine universelle Sprache in all ihren Erscheinungsformen (Klüppelholz 1995:150): von Nationalsprachen über Dialekte von paralingualen Äusserungen über prosodische Eingearten zu individuell gerpägenten Sätzen  und spezifischen Artikulationen (Klüppelholz 1995:151)
– Versändlichkeit und Text/Sprachhaltung sind abgestimmt (Redundanz, Zitat, Mehrstimmigkeit, semantische Polyvalenz)
4.5.4 Musikalischen Inhalte
– Zeichencharakter der Musikzitate (Klüppelholz 1995:154)
– bringt das historische Wesen der Musik zum Vorschein (Klüppelholz 1995:155)
4.5.5 Abbild der Antagonismen
Glossolalie «ist auf Verständlichkeit aus» vgl. (Klüppelholz 1995:156)
– überdeutliche Partitur
– vielfätliges Kompendium musikalischer Graphik
– Netz an Kommentaren und Anmerkungen

 


5. Komposition von Sprachlauten:
György Ligeti: Aventures (1957/58)
Aventures als Folge von asemantischen Lauten, keinerlei Bedeutung ist ein Exptrempunkt neuer Vokalkompoistion vgl. (Klüppelholz 1995:160)
– Einflüsse: Joyce, Schwitters, Hugo Ball, Lettristen (!) (Klüppelholz 1995:161)
Artikulation als Vorläufer-Fassung  im «rein elektronischen Medium» (Studio Köln)
– im Austausch mit Helms, Metzger, Koenig, Kagel – es wird Finnegan’s Wake gelesen
Aventures: Mimodramen, Uraufführung 1963
5.1 Prosodische Merkmale
– «divergierende Terminologien» bez. Prosodie (Klüppelholz 1995:163)
– Sprachmelodie zeigt die grösste Verwandtschaft zu Musik (Klüppelholz 1995:166)
– Ligeti arbeitet mit versch. Expressemen die er sprachkomp. nachbildet, neben Hinweisen auf Gestik und Mimik
– Expressemtypen und Anweisungen bilden zusammen den Inhalt «Kontureme»
– Fülle von Zwischenstufen und Ambivalenzen der Expresseme (Klüppelholz 1995:167)
5.2 Lautfolgen
– Lautfolgen-Repertoire von 119 Lauten, inbes. 61 Vokale und 58 Konsonanten (Klüppelholz 1995:175)
– asemantische Lautfolgen bilden «eine zur Semantik der prosodischen Eigenschaften» analoge «symbolische» Bedeutung […], welche in den der psychischen Wirkungen  bestimmter Lautqualitäten zu sehen ist.» (Klüppelholz 1995:178)
– daraus ergeben sich «charakteristische» Lautfolgen (vgl. Wagner)
– Rückgriff auf Ertels (5) Psychophonetik, Göttingen, 1969 S. 94, 102.
– drei Gruppen von Lautfolgen: konventionalisierte Interjektionen, Lautfolgen mit symblischer Bedeutung und sprachlich bedeutunglsose Lautfolgen (Klüppelholz 1995:184)
– zahlreiche Zwischenstufen
– psychophonetische Wirkung von grosser Genauigkeit (Klüppelholz 1995:185)
5.3. Formgliederung
5.4 Beziehungen zum Instrumentalpart
5.5 Aufhebung der Sprache
– Vollendung der Sprachzerstörung (Klüppelholz 1995:192)
– Abwertung der konventionellen Bedeutung und Aufwertun der symboischen und expressiven
– Mimesis, Sprechsituation, Gestik trotz Dekonstruktion : «verhilft der Sprache zu einem Existenzraum […] Der Gleichsetzung segmentaler und suprasegmentaler mit musikalischen Klangqualitäten entspring eine Homologie von Sprache und Musik, die zur doppelten Aufhebung führt: Sprach wird ausser Kraft gesetzt und bewahrt zugleich.» (Klüppelholz 1995:192)

 


III
Sprache als Musik – ein vorläufiges Urteil
– musikalische Sprachkomposition = Dekomposition vorhandener Sprache (Klüppelholz 1995:195)
– Grundlegende Annahme eines «Kontinuum[s] zwischen bedeutungslosem Klang und klangloser Bedeutung»
– jeder Parameter ist komponiert (Ausgangspunkt ist die «neutral» gesprochene Sprache unter Berücksichtigung linguistischer und kommunikationstheoreischer Erkenntnisse
– mehr als ein geschlossener Text: Sätze, Wörter, Silben, Laute (Klüppelholz 1995:196)
– neue Vokalmusik ist gegen die «Vertonung» gerichtet und nicht gegen die Sprache
– Kritik an der menschlichen Kommunikation (Klüppelholz 1995:198)
– künstl. Verfremdung entspricht der Entfremdung der Benutzer von Sprache

 


Rezensionen:
Dieter Rexroth:  «Werner Klüppelholz: Sprache als Musik» in: Österreichische Musikzeitschrift 36 (1981)
Wulf Konold(6) : «Was die Studie von Werner Klüppelholz von vielen anderen Untersuchungen zu diesem Themenkomplex unterscheidet, ist die Tatsache, daß sie profunde Kenntnisse neuerer sprachwissenschaftlicher Methoden und Erkenntnisse einbezieht und damit neue Einsichten über die Beziehung und gegenseitige Durchdringung von Sprache und Musik formuliert – dieses Buch darf schon jetzt als Standardwerk über diesen Sektor avantgardistischen Komponierens verstanden werden, gerade auch weil es sich nicht im Detail verliert, sondern sich exemplarisch auf einige wichtige Werke stützt und dabei die historische Einordnung nicht außer Acht läßt.» (Radio Bremen, 1977)

 

101 Logbuch 230422 Boris Nieslony

→ leere Stimmen
zu Boris Nieslonys Performances mit Stimme

Artist Focus with Boris Nieslony
Video Chanel von OoS
das Interview führt Martine Viale
Out of Site Chicago (OoS) is an artist collective presenting outdoor performance art to inspire cultural dialogues about artistic ideas. OoS began in 2011 and in the pandemic we pivoted into being an international network and platform to present outdoor public performance art from around the world.

[…]
20’ – 33:30
1966 Bauarbeiter
Bücherkiste: Religion und Philosophy, Böhme u.a.
800 Themen gesammelt
Was kommt zu ihm, warten können, offen sein
Beziehung zu Steinen; er sei ein Stein
Film: B. steht vor dem Stein und atmet, er geht in den Stein, er sieht das Innere des Steins, es ist mehr als eine Meditation…?
Martine Viale: Boris arbeite mit Sounds like a language der Sinne…?
Er sei Teil der Natur, what is in my body, what is my voice [28’]
Wie kann man der Stimme Space geben ohne Sprache, direkt mit dem Körper verbunden
to present himself [his Stimme?], a direct link to his body
the voice makes a movement, the movement makes a voice
there is no memory [28:54]

 


Kunst Interviews zu führen

 

100 Logbuch 230417 Paris Mai

→ Archives Sonores
vgl. Logbuch 96

→Log zu 24 Chaises Perf

230426 ZOOM Andrea
→ Tänzerin, Choreographin Anne Dreyfus, Paris
Raum Générateur + online archiv
sie spricht von performance resources
hier ein interview mit anne dreyfus

CC
https://www.maisondelaradioetdelamusique.fr/evenement/musique contemporaine/ina-grm-akousma-3
https://www.maisondelaradioetdelamusique.fr/evenement/musique-contemporaine/ina-grm-akousma-4
https://www.ircam.fr/agenda/au-coeur-de-manifeste-2023/detail

 


230428
Phil Minton A Doghnut in Both Hands
LP in d. Frosch
A6 Notes on Avarice      ZOOM001
1 Universal Drainage [1:23] → Rachen
2 Dough Song 1 [0:47] → LippenFinger?
3 Dough Song 2 [2:20] → khh → +++
4 Cut Wreath [0:57] → Falsett, Rachen-Spucke
5 Tip Head 1 [2:14] → Pitch/sound abgleichen
6 Dough Song 3 [1:28] → Männerstimme/Gender  Loop
7 Para Song 1 [1:40] → Mickey Mouse ed.all
8 Dough Song 4 [1:09] → Jodel-Heul ed.all
9 Dough Song 5 [2:20] → veritabl. Melody, Schluss hoch  zweistimmig
10 Three Lies [3:01] → Schnellsprech
• monot / Abbruch (zweitlängstes Stück)
• unvergleichlich guter Stimmsitz
• entspricht Stimmlage
11 Dough Song 6 [2:36] → Mickey zweistimmig
• das grosse Einsehen 1
12 Tip Head 2 [1:51] → zweistimmig Geheul
• das grosse Einsehen 2
13 Dough Song 7 [1:54] → Chömi, sehr tief, ausfrans
14 Dough Song 8 [3:27] → Chömi im Quadrat / s.hoch / Jodel / 1 Ton zum Schluss
• das grosse Einsehen 3
15 Para Song 2 [2:03] → Mickey
16 Drainage Mr Wilkins [1:11] → Chömi (Tainingseffekt)
17 Drainage Mr Wilkins, Part 2 [1:21] → Chömi-Sprech tiefer geht’s nicht (Bio-nicht)
18 Dough Song 9 [4:40] → Falsett – tief – Stimmsitzen – Gebrabbel – ed.allang
19 Dough Song 10 [1:26] → Chömi plus Ton
20 Dough Song 11 [1:28] →
21 Tip Head 3 [2:14] → Kein Download
22 Para Song 3 [2:07] → Kein Download
23 Dough Song 12 [2:04] → Kein Download
24 Tip Head 4 [1:24] → Kein Download
25 Bishop Drainage [2:49] → Kein Download
26 Para Song 4 [2:46] → Kein Download
27 Dough Song 13 [0:35] → Kein Download
28 Ballad [2:15] → Kein Download
29 Tip Head 5 [2:12] → Kein Download
30 Lifting Leeks [2:44] → Kein Download


Wolmans MP
• 1951 Postscriptum [3:37] (1951!) → wenn schon, dann schon
• 1965 MP
• 1967 La Mémoire [3:14] (ohne Mik nicht zu machen


230503
Audrey Chen & Phil Minton, 2015, Kiev [12:05]

• chüschel
• Chömy
• Mickey
• AZ
• still
• Lullaby she
• Lullaby he and then the two of you
• bleib stehen
• Mickey again
• inwards tief
• knatter-her und two-voices-he
Augen zu = für sich, aufs Geratewohl, vor sich hin, neben der Sache, Blick-los
im Hintergrund Landschaft mit Sonnenuntergang
Stimmen im Dunkel so-nicht – also wie?
• pfeif und sh und ch
• zweistimmig-er, pfeif-sie
• Silben und Jodel sie – er


230518
Zu 26 Chaises
Das Megaphon ist kaputt, es liegt nicht an den Batterien…
Geschleppe für die Katz!


Vincent Douris
0033 6 31 40 78 33

→ Matthieu Saladin
→ Trévor Wishard
• au festival sonic protest ca. 2018

concert solo de voix
Variations on „let me tell you about fake news“
• libre forme

Vincent zum Solo:
• le grain de la musique
• leise wäre besser, pourque cela reste dans le incertain
• maison de la Japon: présence / soupir
• grain

Adresse von Jacqueline Schaeffer
13 rue des petits champs
75001 Paris
01 42 96 5577
jacqueline.schaeffer@gmail.com

Akousma festival im Mai, Vincent gefällt Vincent.
Vincent Laboeuf:
https://vincent-laubeuf.com/fr_fr/
directeur artistique de la companie motus
https://motus.fr/equipe/
festival futura
https://festivalfutura.fr/programme-2022/

Nicolas Schöffer
Sculpteur & Sounds

Cyclope de Tinguely

Japon-Frankreich / Residenz…
http://www.villakujoyama.jp/histoire/

Wir treffen Vincent am Acousma Festival (nach den Konzerten auf ein Glas Wein in den Ondes – Vincent spricht gut Englisch) und später taucht Vincent auch in den Instants Chavirées auf.
Morgen Montag 29.5. erneut in den 26 Chaises…


Phil schreiben!


Aux 26 Chaises
Exposition – poésies – concerts

+ Jeudi 18 Mai – 20h +
Eclectic Solo Voces
– Elisabeth Rossé – Dorothea Schürch –

ELiSABETH ROSSé
Compos, impros et chansonnettes
Solos violon et sol-duos violon voix. Florilège printemps 2023.
(Si quelques textes devaient se manifester, ce serait de manière aussi furtive que fortuite).
Elisabeth Rossé est auteure, musicienne et anthropologue.
Elle réalise depuis une quinzaine d’années des projets scéniques, et projette cette fois d’entrer en scène sans le réaliser.
https://elisabethrosse.wixsite.com/erpro

DOROTHEA SCHÜRCH
Chanteuse, improvisatrice et chercheuse, Dorothea Schürch s’intéresse aux voix en tant qu’agences esthétiques et technologiques disparates et labyrinthiques dans lesquelles les pratiques de composition et d’improvisation, les réalisations techniques audio interagissent avec les formes contemporaines et historiques des processus musicaux. Pour Schürch, les voix n’évoquent pas seulement l’incarnation, la mise en œuvre, mais représentent un «ici» et un «là», un «mien» et un «nôtre», un «local» et un «global» […] et des corps [qui] sont tous pris dans la chaîne». (Neimanis). «Les événements passés forment autant un espace de possibilité que ce qui nous attend» (Zielinksy) – des parties d’un «passé désirable» (Schürch).
Les 26 Chaises
Où / Quoi / Comment ?
47-49, rue Polonceau
M° Barbès-Rochechouart / Château Rouge
Ouverture des portes 20h / Concert à 20h30 précises !
PAF : 10$ ou + ou -
Petit bar sur place
Pas de CB ! L’appoint s’il vous plait !

Audiotrack
00:00 – 04:00 Pfeiff-Summ
03:15 Pfeiff
04:09 Gliss-Sinus schon etwas zu laut…
War schwierig abzuschätzen wieviel es braucht!
05:10 Ansätze holperig, so nicht!
05:44 grosse Intervalle
08:00 Sinus sehr laut – erstaunlich!
1 ruhig und unterspannt?
09:00 Kazoo Balance Stimme/Kazoo
ersetzt Megaphon (das ist kaputt)
09:50 Geräusch von Stuhl
12:23 Atmung → close mik (mit Kazoo)
16:35 Chchchch (nass)
17:17 mit Phil
in den Atempausen Stille
18:13 Ohh, platzt Phil herein
18:26 Volumen??? Doch zu laut
19:10 ja! so leise!
Track leise und Stimme etwas zu laut
20:44 Liegetöne mit Phil
21:27 Track zu laut
Memory → sich erinnern, es ist nicht ganz Memory, wenn zu laut.
im Ungewissen bleiben, wäre besser
23:23 zu grob, zu abrupt
24:38 aus… zurück zu Pfeiff-Summ ist ok, laut ist plump

Fazit für Space/Urs Leimgruber (→ Tel Alex)
→ 230610


Fotos und Audio im Archiv

099 Log 230418 Les femmes de GRM

230424
Les femmes de GRM
Audio
WDR3 vom 4.6.2014
Reinhold Friedl

Notizheft 43 221025–221219

Monique Rollin, 1952
– Étude vocale
Mireille Chamas­–Kyron (→ Filmmusik)
– Étude 1, 1960
– Sonothèque → Veränderbarkeit der Klangobjekte
– Kybernetik → Wissenschaft der Steuerung, Rückkoppelung, Reglung von Maschinen in Analogie dazu die Handlungsweise von Organismen  systemorientiertes Denken (Norbert Wieder (1948): Spieltheorien
– MYAM wird von Schaeffer aufgelöst und Xenakis verlässt die GRM
Beatriz Ferreyra (*1937)
– mit Simone Rist unter der Leitung von Guy Reibel → solfège des objects sonores
– Medisances
– verlässt GRM 1970
Françoise Berrière
– mit Christian Clozier gründet sie das elektronische Studio in Bourges
Eliane Radique
– 1956/57 Assistentin von Pierre Henry
– verkracht sich mit Schaefer
– verheiratet mit Arma, wandert in die USA aus
– KYEMA
Michèle Bokanowski (→ Filmmusik)
– Generation von Michel Chion
– Tabou, 1984
– Tonbandschleifen
Elisabeth Sikora
– polnisches Experimentalstudio in Warschauer Rundfunk
– seit 1981 wieder in F
– widok z ocha, 1971 (Blick aus dem Fenster)
Joanna Bruzdowcz (*1943) (→ Filmmusik)
– Klasse von Schaeffer 1968-70
Micheline Coulonne Sani-Marcoux (Canada)
Minette Vande Gorne
– Begründet die belgische akusmatische Schule
Christine Grouet
– Studiert am Konservatorium Pantin
– kombiniert experimentelle Musik mit körperlichem Ausdruck
– Promenade Defence
– Musique bruite
Evelyne Gayou
→ 103 Logbuch 230504 GRM Gayou

098 Log 230131 Mills

Vgl Logbücher 76_72_19

230416 Mail von James Fei
Dear Dorothea: I must apologize for the late reply to your request. You might know that Mills College has been merged with Northeastern, and there will be major changes after this May. Namely, there will no longer be graduate or undergraduate degrees in Music on the Mills Campus. The CCM archive and studios will remain, as well as the three tenured faculty, but the CCM will be quite different. Regarding your proposal: I should point out that Mills doesn’t provide additional financial or housing support, but scholars are certainly welcome to peruse our audio and paper archives. The next year will be complicated somewhat by the fact that we will not have graduate teaching assistants to provide access in the CCM, but it is something we can discuss should you decide to proceed with a residency here.
On the studio work, can you let me know what kind of equipment and work you’d like to undertake? While we still have a few 1/4″ 2-track tape machines (as well as 1/2″ and 2″ formats), we do not have anything resembling a traditional tape studio–I just wanted to make sure you would have the tools you’re interested in working in. The original Buchla and our early Moog are still working (and until next month, used by students), as are a selection of equipment from various eras, although there are not too much for the SF Tape Music Center days.

Warm regards, and sorry again for the late reply.
James

097 Log 230414 Schrift_Schreiben_Hören

Dez 1.2.
Schrift-Praktiken

Schrift: Skepsis bez. Schreiben

  • Aufzeichnung des Datums (Dufrêne oder Wolman) → Vergegenwärtigung
  • Schrift-Manipulationen

Schrift: nachgestellt, sekundär

  • Inschriften: Markierungen, die übrigbleiben
  • Hinweis-Zeichen (Index)
  • Grabinschriften
  • im Nachhinein, Festhalten, Berichten

Schrift: stummer/eigener Lautraum (zB Plakatgedichte/Hausmann)

  • Hausmann: fümmsv → für die «zusätzliche Dimension» der Schrift als Partitur interessiert sich das Archive Sonore (vgl. Tardieu / Inatheque) – die Alphabethschrift steht für eine offene Notation. Die Aufzeichnung des Vortrags (Autorenlesung) ersetzt dieses Potential durch ein einziges autorisiertes Recording der Autorenstimme.
  • Beachte : einerseites unzählige Versionen, schliesslich eine einzige

Schrift: Inbegriff des Hervorbringens (alles andere als nachgestellt)

  • Schöpfungsmythos
  • Derrida

Schrift: Schriftordnung / als Gesetz (Kittler)

  • Verschränkung von versch. Ordnungssystemen

Schriftpraxis mit Tonbandmaschinen
Oliveros: Tonbandmaschine und Akkordeon
Chopins → 020 Log 221128/29 Henri Chopin_sculpter le son
Dufrêne : Datum der Aufnahme aufzeichnen, automatisme maximum
Lucier: I am sitting in a room (auch eine Inschrift)
Gegenteil von Schreiben?
während das Tonband aufzeichnet


Tragödie des Hörens
230315 Mail von Micha
«→ Luigi Nono lässt in Prometeo – Tragödie des Hörens die unterschiedlichen Hörgewohnheit, des bildlich deutenden und des skandalös dialogischen Hörens, aufeinandertreffen. Tragödie des Hörens meint für den venezianischen Komponisten, dass Hören oft als Entziffern von Bedeutungen, als Zuordnung von Mustern missverstanden wird. Damit bleibt das schöpferische utopische Vermögen von Musik unentdeckt. Für den heutigen künstlerischen Umgang mit Medien ist relevant, dass Luigi Nono und der „Kurator seiner Libretti“, Massimo Cacciari, der Technik eine eigene Dimension zugestehen: „Die raffiniertesten Mittel der modernen Technologie (ein wirkliches `Instrumentarium`) zum Zwecke der Vervielfachung der Hörfähigkeit zu benutzen…“, ist ein programmatische Aussage Nonos. Das gilt für die hervorragende Technik des Experimentalstudios in Freiburg (Ringmodulatoren, Harmonizer (Audiocomputer), Vocoder; spezielle Quint-, Terz- und Sekundfilterbänke; Gates, Halaphon, Verzögerungsgeräte). Mit ihr hat Nono über Jahrzehnte gearbeitet.»

096 Log 230410 Archives sonores de la poésie

Abigail Lang, Michel Murat, Céline Pardo (dir) : Archives sonores de la poésie, les presses du reel, Dijon 2019.

019 Log 221128 Bibliothèque des voix


Céline Pardo, Abigail Lang, Michel Murat : « Introduction : l’héritage sonore des poètes », in : Céline Pardo, Abigail Lang, Michel Murat (dir.), Archives sonores de la poésie, Les Presses du réel, Dijon, 2019, p. 9–18.

des enregistrements à l’archivage

  • Die Dokumente sont menacés d’oubli
  • Spuren drohen zu verschwinden / vergessen zu werden, vorallem die Aufnahmen
  • Charles Cros (Paléophon 1877) / Edison (Phonographen 1878)
  • viele Aufzeichnungen visavis der Masse der Poésie sonore
  • Unterscheide: Poésie sonore ← sonore Archive der Poésie

Robert Browning (1889)
« L’enregistrement cristallise un changement d’époque, un passage de relais symbolique de la mémoire humaine à une nouvelle forme de mémoire externalisé, mais aussi de la poésie comptée-rimée, dont la fonction était originellement mnémotechnique, à une poésie du vers libre puis à une poésie entièrement libérée du vers. »
(Lang, Murat, Pardo (Hrsg) 2019: 10)
– als Rhythmus und Reim als Mémotechnik an Bedeutung verlieren, taucht ein « mémoire externalisé » auf.
– Laut Kittler und Bernstein haben die l’enreigstrements « nouvelles prosodies modernes » hervorgebracht.

In Frankreich gibt es seit 1913 ein Archive de la parole
Aber es findet keine entsprechende Rubrik auf Gallica oder l’ina
Marseille : cipM ist die Ausnahme
in Frankreich findet sich kein « archive sonore spécifique à la poésie »
vlg Artikel von Camille Bloomfield bez. Documenten und Archive

Frage der « oralisation de la poésie en France »
(Lang, Murat, Pardo (Hrsg) 2019: 11)
Diese Form von Poésie wird kaum erforscht
Im angelsächsischen Sprachraum ist das anders

  • Harvard Vocarium seit 1933 : als erstes S.Elliot
  • Vocarium steht, wie der Name andeutet für : a collection of voice recordings for use as a study aid in the appreciation of literature → siehe Link zu pdf
  • Woodberry Poetry Room Harward I
  • Woodberry Poetry Room Harward II
  • Columbia, Standford u.a. folgten dem Beispiel
  • In der Library of Congress findet sich ein Rubrik « Archive of Recorded Poetry and Language »
  • Auch Ubu web (fondé par Kenneth Goldsmith 1996)
  • PennSound (cofondé 2005)

Versch. Formen von Archiven sind zu unterscheiden

  • Archives écrites (→ « le dilemme de l’archive écrite, entre conservation et circulation »)
  • Archive sonores (bandes magnétiques)
  • Archive digitales → online oft frei zugänglich, damit multipizieren sich die Orte der Aufbewahrung

Zur Gründung eines entsprechenden Archivs in Frankreich
→ 2016 Symposium in der Sorbonne « Le patrimoine sonore de la poésie »
Das Symposium, für das die Beiträge des vorliegenden Bandes geschrieben worden sind
→ Link

Céline Pardo:  La poésie hors du livre (1945-1965). Le poème à l’ère de la radio et du disque, Paris, Presses de l’Université Paris-Sorbonne, 2015.
«….Éluard, Tardieu, Soupault, Aragon, Pichette, Artaud, Prévert, mais aussi Garnier, Dufrêne, Heidsieck, Gherasim Luca, s’emparent de ces nouveaux moyens de diffusion et d’expression pour dire leurs textes, se mettre en scène, inventer de nouveaux rapports avec le public, de nouvelles formes d’écriture et de présence à l’œuvre. » zit n. Klappentext

OBVIL = observatoire de la vie littéraire
01-03 Juni gibt es ein Symposium zu Emmanuel Hocquard: la poésie mode d’empoi
2017 (fungiert unter actualités)
→ OBVIL (nach dem Vorbild von PennSound) ist in Vergessenheit geraten

Arches et recherche
Es gehe um « les lignes de la voix des grands auteurs » so Tardieu, der den Club d’essai in den 1960er Jahren leitete.
(Lang, Murat, Pardo (Hrsg) 2019: 12)
Auch eine Frage der Archivierung und der Erhaltung der Bestände

Was ist der Stand der Forschung in Frankreich ?

  • Georges Lote : L’Alexandrin français, d’après la phonétique expérimentale, Pairs, La Phalange, 1913
  • Robert de Souza 1912 : « les poètes ne savent pas se lire… »
  • So auch Pierre Roger Léon, 1971
  • Prado entwickelt eine Typologie der Diktion

Stand der Forschung in den USA

  • Michael Diavidson 1981 : l’Archive for New Poetry (University of San Diego) bildet die Grundlage für audio-critisism
  • Charles Bernstein : Close listening. Poetry and the performdes word.

(Lang, Murat, Pardo (Hrsg) 2019: 15)

  • La dimension orale de la poésie
  • « La lecture à voix haute facilite l’accès »
  • Neue Beziehung zwischen son et sens
  • Soziologisch gesehen, so Bernstein, « se constitue dialogiquement par la reconnaissance dt l’échange au sein d’une communauté d’égaux » Bernstein distanziert sich von der romantischen Perspektive des Oralen als : « réspiration, la voix, la parole ».
  • Für Bernstein ist das Gedicht ein Ensemble von « performances textuelles et orales »
  • Close listening → close reading (new critisism, Ivor Armstron Richard, William Empson, vgl auch Derrida : Ulysses Grammophon)

Leseempfehlung : Roubaud : Dire la poésie

 


Daniel Kane : « Paul Blackburn et son magnétophone Wollensack », in : Céline Pardo, Abigail Lang, Michel Murat (dir.), Archives sonores de la poésie, Les Presses du réel, Dijon, 2019, p. 107-118.
Ausgangspunkt : die CD All Poets Welcome : the Lower East Side Poetry Scene in the 1960s, Berkley, University of California Press, 2003.

  • Athmosphäre der Lower East Side 1960
  • Fondatrice pour la poésie américaine
  • Wo : Les Deux Magots, Le Métro, Poetry Project de la Saint Marks Church
  • Interviews der AkteurInnen
  • was sie auszeichnet : « une tradition poétique centrée sur l’oralité »
  • Es handelt sich um Aufzeichnungen öffentlicher Lesungen und Gespräche, Radiosendungen

Recherche in den Archiven von Paul Blackburn in der Mandeville Special Collections Library der Universität von Kalifonien San Diegeo
(Kane 2019: 108)

 


Textmaterial im Archiv

095 Log 230405 CdG and Kosmocreation

10-12h CdG Skype
Vgl. Notizen 1-4
Wasser als Trope (Stilmittel, bildhafter Ausdruck) (7)

CdG
Zusammenarbeit mit Tomoco Sauvage
Festival Sonic Acts mit Waterbowls

  • recording water
  • resampling water
  • puls / polyrhythms
  • Eisblöcke, Tropfen, Kermaikschalen, Amplification

mit WSL an der Daylight Academy, Lausanne
Arbeit zu Feuer mit environmental geographer Jay Mistry, London

  • Feuer
  • wildfire
  • scales of fire

Wissen der Wissenschaft

  • Kunst ist Schattenreich dieses Wissens / Kompensation der Wissenschaft, aber ebenso wie diese infiltiert bez….
  • Bsp Begriffe Subjektivität (Kunst) – Objektivität (Wissenschaft) bedingen einander
  • Religiose Fragen hinter sich lassend

Kosmologie → besser Kosmocreation / Kosmogonie → teilhaben, matter, you are (t)here

  • CdG als Wissenschaftsphilosophin (vgl. Isabelle Stengers)
  • Feuer gibt viel zu lernen

Frage bez. Wissenschaft zur Sprache bringen (94 Logbuch 230401 → Monica Galiano)
Jargon der Wissenschaft steht für

  • Positivismus
  • Technologischer Fortschritt
  • Immer mehr Wissen, die Realität immer besser durchschauen, dabei!: wir wissen nicht mehr sondern ANDRERES / anders
  • Ein Wissen das funktioniert, Solange Herz, Spiritualität, Ästhetik “draussen” bleiben
  • Kunst / Kehrseite der Medallie → Problemtik der Produktivität, Vermarktung

MUSIK riesiges Wissensgebiet
Was (nicht) alles dazughört(e):

  • Astronomie
  • Altgebra, Geometrie
  • Verbindung von allem mit allem

daraus entsteht in der “Neuzeit” etwas wie eine akustische Welt

  • empirisch vermessbar
  • Ästhetik ist die Wissenschaft der Wahrnehmung
  • Wahrnehmung als solche hatte vor xxxx Jahren keinen eigenen Wert
  • Pythagoras hat nicht einfach etwas gehört, seine Wahrnehmung war eingebettet in eine Kosmologie (erst dann macht sie Sinn)
  • Musik zeigt, wie wir in der Welt sind und die Welt in uns

Wissensgeschichte
Invisible College versus dogmatisches Wissen (Kirche)

  • Kirche/dogmatisches Wissen ist kein spirituelles Wissen sondern entspring einem totalotären System (Dogma)
  • Das invisible College ist sozuagen der “Club der Wahrnehmung” um dagegen anzukämpfen
  • Wahrnehmung ist geframed: nur Nobel-Männer sind bei den Experimenten von Boyle gegenwärtig
  • post-lapsaische Verfasstheit des Menschen

Vgl. Kunst: Wahrnehmung ist Kunst, ist die Fähigkeit Relationen zu machen/verstehen/sehen

Pauline Oilveros Masterclasses
Oliveros-1: ‚Introduction and Background of Deep Listening‘
Oliveros-2: ‚Story of the Deep Listening Recording, 1988‘
Oliveros-3: ‚Hearing Listening and Movement with Energy Awareness‘

  • Aufzeichnung von Sonic Acts
  • Schärft das Körperbewusstsein
  • CdG hat die Übungen mit Stud. gemacht → wieviel Energie im Raum generiert wird!
  • viel besser hören können
  • CdG wie lässt sich diese Energie chanelling?
  • wieviel Potenz
  • weg von der Sichtbarkeit, bzw. man schaut nach innen
  • keine Wahrnehmung, die sich auf Sichtbarkeit reduziert
  • nach den Übungen etwas wie Ehrfurcht zu spüren
  • CdG schlägt vor auf dem ersten Wort, das den Teilnehmy in den Sinn kommt die Energie auszusitzen/brüten (DAS-Stud Amsterdam sind im Stande mit den sexuellen Energien, die auftauchen umzugehen im Gegensatz zu den Fine und Sonific) / Sexualität kennt keinen gaze, ist queer, aktiv, kreativ, politisch

Starhawk als ecofeministin

  • contemporary witchcraft
  • channeling

094 Log 230401 Bridle, Galiano, Abram

26.3.23 Sternstunde Philosophie

James Bridle, die Welt neu sehen
Kognitionswissenschaften, Informatik, Autor, Artist
– versucht jenseits der Kategorie „Kategorie“ zu denken
– in den Zwischenräumen, zwischen den Disziplinen
– dem Internet aufgewachsen, Adoleszenz mit dem Internet: eine neue Form die Welt zu erforschen
neue Sichtweisen
heute lebt Bridle auf einer griechischen Insel nahe Albanien
Konflikte mit Erdölförderung vor Ort
die Firmen verwenden KI, um neue Förderorte auszumachen

ist KI intelligent, wenn es zerstörerisch ist?
– wie wird Intelligenz definiert?
– was verstehen wir unter Intelligenz?
– KI ist als künstliche Dummheit nicht künstliche Intelligenz, denn [9`] Intelligenz ist nützlich und produktiv, eher ein Verb, etwas Aktives, kein statisches Konzept, ein Geflecht von Beziehungen, formbar
– Stöcken-Intelligenz-Teste…!
– Intelligenz ist nicht nur eine Sache des Kopfs, sondern des Körpers, auch der Beziehungen unter Körpern
– Krebse, Bienen Schwarmintelligenz)

Co-Evolutionäre Prozesse
– Parallelität ohne sichtbaren Plan in beiden Welten entstehen Prozesse/Mustern, weil sie sich in vielfältiger Weise als erfolgreich erweisen. in Natur und Technik
– Bsp. allmähliches Gewahr-werden von Pilz-Netzwerken = Myzelien
– World-wide-web Wood-wide-web: eine Welt von Netzwerken
– als Modelle, Netzwerkemodelle
– 90er Jahre war die damalige Netzwerkmathematik nicht ausreichend, um das Internet abzudecken es brauchte eine neue Topologie für skalenfreie Netze….

Intelligenz
– [18`] Alle Lebewesen sind intelligent, auch Pflanzen
– Pflanzen reagieren auf Kaugeräusche, können also hören?
– Mancuso: die Intelligenz der Pflanzen
– Wie spricht man über diese Phänomene, ist es anthropomorphisierend von Intelligenz zu sprechen?
– Es sei nicht möglich die Perspektive der menschlichen Verkörperung abzustreifen – aber wie darüber sprechen? Auf keinen Fall „andere“ Intelligenzen leugnen, Intelligenz ist auch keine innere Eigenschaft, sie entwickelt sich… Die Frage ist nicht nach der Ähnlichkeit (mit dem Menschen), sondern danach, „wie es ist, du zu sein“

Kritik der Überinterpretation
– Welche Sprache innerhalb des vorherrschenden Wissenschaftssystem akzeptabel ist und welche nicht. Das bestehende System ist sehr aussagekräftig und erlaubt viel über die Welt zu verstehen. Aber es ist nicht die einzige Form die Welt zu verstehen.
– Interessant ist es auf unterschiedlichen Verständnisebenen entsprechende Vorstellungskonzepte zu entwickeln und so verschiedene Arten des Wissens zu verbinden  „multipe knowing at the same time“

Monica Galiano (Pflanzenwissenschaftlerin)
Führt nicht nur Pflanzenexperimente durch, sondern hat auch eine Praxis als Schamanin und spricht mit Pflanzengeistern, sie fühlt sich auf dem Scheiterhaufen brennen (wie Giordano Bruno)

Insert:
Mehr-als-menschliche-Welt des Philosophen David Abram
Bleisch Abram war auch Schamane
Interview mit Abram:

  • interbreathing
  • “we life inside a breathing earth and not on its surface” (37:01)
  • quantum mechanics is the wrong name  there are no quantums (as fixed things) and no mechanics (as technological logic) (39’)
  • wisdom is everywhere, even on the tip of your nose (journey to a shaman as a western habit (43’)). Abram works as a table magician, travelling as a street magician in Europa, to Indonesien, ask to trade magics  Namen der Zauberer/Medizinmänner/Heiler/ whichdoctors ihre Aufgabe: dass die Boundaries/relations von allem mit allem nicht verloren gehen, heilen als Nebeneffekt
  • sense and sensory perception als medium, Perseption is malleable, veränderbar, shifting the senses verändert die Welt (50’)
  • era of humility (55’), humbling

Leseempfehlung des Hosts Jonathan F.B. Rose:
David Rothenberg: Why Birds Sing: A Journey Into the Mystery of Bird Song, u.a.

 


James Bridle, Künstler
Seamless transition (vgl. auch Sternstunde 53‘)
Barbara Bleisch: Technologie (KI) soll intelligent sein? wie auch Tiere und Pflanzen (das ginge ja noch)
Bridle: der Laptop ist aus toten Meerestieren zusammengesetzt und wird von Elektronen belebt…[42`] nichts was auf der Erde ist, ist von ihr getrennt..
Bridle: den Begriff “natürlich” nicht mehr verwenden, es gibt nichts keinen Naturzustand, der von irgendwas getrennt sein könnte – woher kommt der Begriff, 18Jh., es gibt keine Natur, von der man sich erheben kann, das System kennt kein Außen
Bridle: es gibt eine künstliche Intelligenz, weil Intelligenz nicht in einem Reagenzglas oder im Gehirn eingeschlossen gedacht werden kann, es ist ein Tun, etwas das Intelligenz produziert, es kann nicht künstlich sein, weil nichts künstlich ist. vor diesem Hintergrund gibt es auch keinen Fake – die Frage ist warum ist Intelligenz so wie sie ist, welche sind die Machtstrukturen, die Intelligenz fördern oder… [46`]
[54`] Es braucht keine neuen Berichte, was es braucht sind Agencies, Handlungsmächtigkeit, zB über die Anwendung von Softwarecodes