085 Log 230311 Robin James
Robin James (*1978 writer, editor, philosopher, music scholar):
«Music and Feminism in the 21th Century» in: Music Research Annual 1, 2020, p. 1-25.
vgl. 084 Log 230304 fem.Musikwissenschaften
Anstelle von Persönlichkeiten aus der Musikwelt, Genres und musikalische Traditionen fokussiert James auf fünf Fragestellungen (James 2020:1)
- 1 many kinds of music of many diffrent kinds of feminism, zwei Arten von Feminism, die die patriarchale Ordnung verschleiern oder sogar intensivieren.
Postfeminism: sagt feminismus sei obsolet geworden
Popular Feminism macht Feminismus in spektaulärer Weise sichtbar und damit zu einer Marketing-Strategie
- 2 Prekarisierung der Arbeit
- 3 trans studies und trans fem.
- 4 digitale Technologien
- 5 sexual assult and harassment
1
Popular and Postfeminismus (James 2020:2)
Der liberale Feminismus bestärkt die patriarchale Ordnung
- Fokussiert auf die individuelle ökonomische Situation und die sexuelle Ermächtigung weißer bourgeoiser Frauen
- feministischen Anliegen sind erledigt, haben sich erfüllt, sind weitherum akzeptiert
- zB Sheryl Sandberg: Lean in
Postfeminismus
- feminismus ist passé, altmodisch, wenn nicht tabu
- so gibt es zum Beispiel keine Publikationen zu explizit feministischen Arbeiten in den Vorzeige Fachzeitschriften wie zB Journal of the Society for American Music,
Lina Džuverović: (independant curator, London): «Twice Erased: The Silencing of Feminisms in Her Noise,» in: Women and Music: A Journal of Gender and Culture, vol. 20, 2016, p. 88-95.
- Džuverović kuratorische Strategie ist es, das feministische Projekt „Her Noise“ nicht als solches zu kennzeichnen
- Džuverović will über Fem. hinausgehen…
- einzig in Zeitschriften der popular music gibt es Artikel die Feminismus im Titel tragen
- popular music ist interdisziplinär und nicht auf Musikologie beschränkt
Susan Cook (Musikwissenschaftlerin, em. Prof. University of Wisonsin-Madison: “‘R-E-S-P-E-C-T (Find Out What It Means to Me)’: Feminist Musicology and the Abject Popular.” Women and Music 5, 2001, p. 140–145): weist darauf hin, dass popular music in der Forschung als Nebenschauplatz gilt – wie/durch die in diesem Feld verhandelten Gegenstände: durch Feminisierung und was damit assoziiert wird: Oberflächlichkeit und Körperlichkeit (Verkörperung)
Popular Feminismus (James 2020:4)
Steht für die kulturweite Zirkulation und Umwerbung feministischer Themen in Zusammenhang mit Ökonomien der Sichtbarkeit. Popfeminismus vermarktet feministische Praktiken und Ideologien
- Body-Positivity für Seifenwerbung
- Spektakel: um ethischen Konsum und persönliches Marketing
- exklusives, individuelles Verhalten und verdeckt institutionelle und strukturelle Unterdrückung
Dabei sollte Self-ownership im Zentrum stehen und nicht Objektivierung, um die Möglichkeit zur Transformation des Mangels in eine Resource (Resilienz)
Banet-Weiser verweist auf folgendes Beyoncé MTV Video:
- empowerment songs
- pop chart popular feminism
- von Frauen wird empowerment (songs) erwartet, aber je länger je mehr, gibt es keine Gegenleistung dafür (reward) = Bruch zw. weibliche Selbstermächtigung und der reality der männlichen Dominanz
- in der Musikkritik taucht Poptimism ein Jahrzehnt früher auf als in den Charts
- in den 2000er Jahren gibt es zwei sich überlappende Trends: der Dritte-Welle-Fem (Wertschätzung des Entwerteten: Stricken, Selbermachen, die Girl-Welt als solche) und der allesfressende/-absorbierende Konsum
- Poptimism = wenn versch. ausgeschlossene ID in die Musik rehabilitiert, eingeschlossen werden, so wird popular music feminisiert mit allen Stereotypen der Frauen und des Femininen: Oberflächlichkeit, body over mind, unzulängliche Beherrschung, Formelhaftigkeit
«Theodor Adorno associates pop music with stereotypical femininity and feminine bodies, and uses those associations as a primary justification—if not the justification—for his infamous arguments about its low status» (Robin James: The Conjectural Body: Gender, Race, and the Philosophy of Music. Lanham, MD: Lexington Books, 2010.) (James 2020:6)
vgl. 084 Log 230304 fem.Musikwissenschaften
Poptimism und der populäre Feminismus unterwerfen das progressive Potential feministischer Politik unter kapitalistische Forderungen. So zeigt Alyxandra Vesey: (“Playing in the Closet: Female Rock Musicians, Fashion, and Citational Feminism,” in: «Emergent Feminisms: Complicating a Postfeminist Media Culture», edited by Jessalynn Keller and Maureen E. Ryan, New York: Routledge, 2018, p.73–90.): dass in der Rockmusikbranche der Bezug / Konsum von Kleidermarken als feministische Praxis dargestellt wird («citational feminism») und gleichzeitig profitieren sie davon, um das eigene Image zu vermarkten.
populärer Feminismus ist Spektakel, es fehlen systematischen Aktionen + Kritik
Es geht darum feministische Methoden zu praktizieren, die uns helfen uns mit Musik und untereinander zu verbinden, Unterdrückung abzuschwächen, die vom populären Feminismus überdeckt, wenn nicht sogar befördert werden
Populärer Feminismus und Frauenhass gehen Hand in Hand
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Precarization and Work (James 2020:8)
die Musikbranche ist das Paradebeispiel für
- Gig-economy
- no job security
- jazz und impro als Vorzeigeunternehmerschaft
- Nukleus des Fordismus ist die single-incom Familie
- Gilt auch für die Musikwissenschaften, Konferenzen durchzuführen heisst Gelegeheitsjobs anzubieten, das ist mindestens so wichtig, wie Netzwerke, Mentoring, Professionalisierung
- Arbeit am Curriculum der MUWI wird nicht finanziert, MUWI bleibt der Tradition verhaftet
– Non-stop arbeiten, um zu Erfolg zu kommen (James 2020:9)
- Arbeit ist ein gegendertes, rassisch geprägtes und eigentumsverhaftetes Tun
- Es gibt eine post-work und antiwork Ästhetik
- es geht darum gegen die Präkarisierung ankämpfen
- nicht die Inklusion der Frauen in die Arbeitswelt ist das Ziel, sondern den Begriff der Arbeit als ein patriarchales, weisses, suprematist Regime abzuschaffen
3
Trans studies
Postfeminismus und popular feminismus sind patriachale Effkete
- Trans studies ≠ Queer studies, beachte: trans-exclusion feminism (vgl. Michigan Womyn’s Music Festival schliesst Transfrauen aus)
MUWI in den trans studies (James 2020:10)
- Insbesondere Stimme als ein Gender-Phänomen ist verschiedentlich im Fokus der trans feminist music studies
- Stephan Pennington (Musicology, Prof. of Music, Tufts University)(1) und Alexandros Constansis (2) zu Vocaltechniken während der Transition.
- FTM (Female-To-Male) singers, müssen während der Transition ihrer Stimme besondere Beachtung schenken, weil die Hormontherapie die Stimmbänder verändern. Die Vermännlichung vollzieht sich sehr schnell vollzieht, oft zu schnell für die Stimmbänder, die wachsen und hart werden, was für die vocal box(?) schlecht ist.
- Dieselbe Technik wird verwendet um eine nicht-gegenderte Stimme zu entwickeln, „pass as their own gender“
- diese Cis-Appropriation von trans Stimmen, zB Beyoncé „Formation“ mit samples der trans Künstlerin Big Freedia wird kritisiert
- Traditionell steht Stimme als Metapher für die Person (personhood), ihre Handlungsmacht (agency)
- es darum, die Stimme als Stimme zu hören, auch als sonic, acoustic manifestation of trans voices
- die Stimme „verrät“ die Menschen, diese werden verletzlich und sind wegen ihrer Stimme Gewalt ausgesetzt.
- Wichtig in trans studien: matter and materiality / Stoffe / Stofflichkeit / Materialhaftigkeit / Materalität
- Dana Baitz (mit Karen Barad): bevorzugt Materialität → corporeal materiality vor texuality (Schriftlichkeit) und Diskurs, welche die queer feminist studies in den 90er Jahren dominieren → sich in den Körper investieren (3)
Baitz unterstreicht die Wichtigkeit kohärenter verkörperter Materialität (James 2020:11). LaMonda H. Stallings spricht dagegen von illusive flesh
- LaMonda H. Stallings (4)
spricht in ihrer Studie zu schwarz-feministischer Trans-Ästhetik, von der «centrality of the metaphysical to Black concepts and experiences of gender»: illusive flesh
- Illusive flesh ist der philosophische Kontrapunkt zu Embodiment: „forms of life an being that exceed the biological“, vgl. Yoruba-beeinflusste Spiritualität.
- „illusive flesh as af form of metaphysical gender“
- Oyèrónké Oyéwùmí (*1957, Nigeria, Afrikanistin, Genderforscherin, lebt und arbeitet in den USA)
In The Invention of Women (1997) argumentiert Oyèrónké Oyéwùmí, dass die westliche Philosophie, anders als die Yoruba Philosophie, somazentrisch sei und den Körper als Basis der persönlichen und sozialen Identität begreife. Der Westen unterscheide zwischen Körper (legale und moralische Personen) und Fleisch (nicht-Menschen)
- Illusive flesh → Funk poetics (Stalling)
Der Mangel an Konsens steht für die ausführlichen Debatten über die zentrale Wichtigkeit medizinischer Transition in den trans Wissenschaften und trans Aktivismus, mit dem Hinweis, dass «medical understandings of gender» für viele nicht-weisse, nicht-westliche Menschen sind «culturally inappopropriate» sei und weiter, dass vor allem weisse Menschen die finanziellen Mittel hätten, um…
Wichtig ist Intersektionalität
Eine weitere Ausnahme-Stimme
Willmer Broadnax (1916 Houston, Texas – 1992, US Gospelsänger)
sonic femininity (James 2020:12)
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Gender and Technology
Hopes/fears of new technology vergl. mit virgin/whore dichotomy
«So while patriarchy evolves with advancing technologies, it also shapes how those advances proceed and how we think, feel, and interact with those advances.» (James 2020:13)
so wie Musik gemacht und wird sie gehört
Gender and algorithmic systems in Music
Gendered presentation = gendered appearance (James 2020:13)
- Body’s anatomical sex, trans people werden der Irreführung bezichtigt
- Allgorhythmen beurteilen das Benehmen (nicht mehr das Aussehen) – mit dem Aussehen das System übertölpeln, aber nicht mit dem Benimm, folglich ist das System noch restriktiver
Cyborg and cyber feminism (James 2020:14)
Laboria Cuboniks (Xenofeministisches Kollektiv ua. mit Helen Hester, Media- und Communications-Wissenschaftlerin, based in London) (5) betont die Entremdung (von der Natur?) des “new accelerationist-adjacent cyberfeminism “xenofeminism”. Auch Annie Goh (6) unterstreicht die problematischen Aspekte des Xenofeminismus, denn Cyborg und Cyberfeminismus seien dort stark, wo es darum geht das normative-weisse, cisheteromaskuline, able-bodied und anders privilegierte Verständnis von human mit anderen Vorstellungen zu besetzen. Entsprechende musikwissenschaftliche Untersuchungen in diesem Feld kommen von Nina Suns Eidsheim (Ph.D. in Musicology): (7) study of vocaloids:
- Vocoder und Autotune brauchen die Stimme als Quelle, nicht so Vocaloids
- Vocaloids werden trad. gendered repräsentiert
- Vocaloids entsprechen den normativen Erwartungen
- Computersoftware hat keinen wetware body
- Vocaloids wetware bodies entsprechen der voice-to-body Korrespondenz
neue Ansätze (James 2020:15)
- Arbeiten mit “poethical (material and decompositional)” content
siehe Denise Ferreira da Silva (8) und neue Forschungen von Ashon T. Crawley (9) , Katherine McKittrick (*1970, academic, writer and editor) and Alexander Weheliye (10)
- Mit Kunst das suprematistische, kapitalistische, koloniale System überwinden
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Sexual assult and harassment
- am Arbeitsplatz / der Weinsteineffekt
- #MeToo mit Tendenz zu populärem Feminismus
- grosses mediales Interesse, im Zentrum stehen Cis-Frauen
- nur vorgeblich inklusive Sprache
- verschleiert die Tatsachen, dass nicht-weisse Frauen dem grösseren Risiko ausgesetzt sind. zB bleibt R. Kelly 20 Jahre unbehelligt, weil seine Opfer schwarze Mädchen sind. (James 2020:16)
was ist mit Musik von z.B Michael Jackson (James 2020:17)
Es bleibe ein “uncomfortable place” (Ann Powers: “Before and After: What it’s Like Listening to Michael Jackson Now.”(11) ), denn die Täter sind ihrerseits Opfer rassistisch motivierter Medienkampagnen gegen sie, verbindliche Auflagen in Clubs “how to party without assaulting or harassing women or non-binary people” (James 2020:18)
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Robin James bezieht sich nicht auf Rollenkonzepte
es geht ihr um die Fähigkeiten und Potentiale der Frauen in diesem Feld
interessant: citational feminism